BOARDSTEIN LEBT INTERVIEW – LAST TRY NR.12

28. April 2009 | Von Arne | Kategorie: Magazin Like
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Als wir bekanntgaben, daß wir mit dem Magazin aufhören mußten, reagierte Kollege Gernot Kinast vom österreichischen Last Try Magazin, der sich seit jeher als Fan geoutet hatte, blitzschnell und schlug uns vor, eine doppelseitige Rubrik ‘BOARDSTEIN lebt’ ins Leben zu rufen, da sie ihr Heft sowieso gerade einem Facelift unterziehen würden und er uns in Zukunft gerne dabei haben wollte. Das Angebot nahmen wir natürlich gerne an und so stellte Gernot mir für die erste Ausgabe ein paar Fragen zur aktuellen Situation und dem Wieso, Weshalb, Warum. Dazu muß man sagen, daß diese Fragen ein paar Tage nach den Fragen von Eric fürs Monster bei mir eintrudelten, deswegen kommt es beim Lesen zwangsläufig zu ein paar Überschneidungen. Aber ich hatte Gernot die Fragen von Eric kurzfristig gemailt, weil ich vermeiden wollte, alles nochmal erzählen müssen, aber Gernot wollte größtenteils eh andere Sachen von mir wissen. Und da wir auch hier davon ausgehen, daß es die wenigsten von euch bisher gelesen haben und das ein oder andere davon auch heute noch für euch interessant sein könnte, wollen wir euch dieses Interview ebenfalls in voller Länge präsentieren. Und für alle, die bisher nichtmal von der Existenz des Last Try Magazins wußten, das gibt es seit nun mehr drei Jahren und es erscheint viermal im Jahr in Österreich und liegt dort in Skateshops und Artverwandtem gratis aus, ein nicht ganz unbekanntes Konzept, mit dem sich das Heft sehr schnell zum Sprachrohr der dortigen Szene entwickelt hat. Zuletzt muß man sagen, daß das Heft ausgesprochen photolastig ist und mit wenig Text vorlieb nehmen muß, deswegen werde ich ab jetzt gerne meinen Teil an Schrift dazu beisteuern, um wenigstens ein bißchen für Ausgleich zu sorgen. Danke an die gesamte Mannschaft auf jeden Fall schon mal für diese Möglichkeit!

Interview von Gernot Kinast:

Arne, der Traum scheint aus? Was ist passiert?
Moin ersma`! Ja, der Traum vom Magazinmachen ist aus, kam aber jetzt auch nicht so überraschend, nachdem wir letztes Jahr ganze zwei von eigentlich sechs Ausgaben rausgebracht haben. Wir hatten ja schon immer damit zu kämpfen, chronisch unterfinanziert zu sein, was natürlich hauptsächlich daran lag, daß wir zu wenig Anzeigen für unser Heft rangekriegt haben. Und woran das lag, kann ich hier nicht so ausführen, wie ich es wenn denn gerne tun würde, denn dafür bräuchte ich eine ganze BOARDSTEIN Ausgabe. Grob kann man vielleicht sagen, die besten sterben jung, das war schon immer so, und wir waren ja auch nicht die ersten (R.I.P. Big Brother, Slap, Chill…) und wir sind auch ganz sicher nicht die letzten (R.I.P. Document, Concussion…). Sind ja im Moment wirklich harte Zeiten für den Printmedienmarkt, was leider bester Beweis zur allgemeinen Volksverdummung durchs Internet ist. Wie gesagt, kannsu ewig drüber philosophieren, ich sowieso…

Gib uns mal einen kleinen Überblick über euer Schaffen. Seit wann wart ihr am Start und wie viele Ausgaben wurden es?
Anfangs ging alles ziemlich schnell, ich und ein paar andere Fanziner aus Deutschland haben 1999 gesehen, daß unbedingt ein weiteres Magazin den Markt bereichern mußte, denn die zweieinhalb anderen zu der Zeit boten nicht im Ansatz das, was Skateboarding in Deutschland hergibt. So kam es am zweiten Januarwochende 2000 zum sogenannten Fanzine-Kongreß in Marburg. Ein paar Wochen später bekamen zwei von uns Kontakt zu Leuten in Dortmund mit den technischen Möglichkeiten, ein richtiges Magazin auf die Beine zu stellen. Man traf sich und gründete bereits im März die dazugehörige GmbH und machte zeitgleich die Nullnummer (heute bei Sammlern heiß begehrt!), um sich der Industrie vorzustellen. Anfang April bezogen wir die Redaktionsräume in Dortmund und brachten die erste Ausgabe raus, die Mai-Ausgabe 2000. Die ersten zehn Ausgaben erschienen dann noch monatlich, danach mußten wir uns aus finanziellen Gründen auf zweimonatlichen Erscheinungsrythmus reduzieren. Und so brachten wir mehr oder weniger regelmäßig – was dann zum Ende hin immer mehr ins Schwanken geriet – bis zur letzten Ausgabe, die in etwa zeitgleich mit diesem Heft hier erscheint, 47 Hefte raus. Anfangs 84 Seiten, später 100 und ca. die letzten 20 Ausgaben 116 Seiten, und bei Sonderausgaben auch mal 16 mehr. 2002 etablierten wir auch noch unseren BOARDSTEIN Mailorder, um den vielen kleinen deutschen Firmen, die sonst nirgendwo zu bekommen waren, eine Plattform zu bieten. Das lief sogar mal so gut, daß wir davon einen Angestellten finanzieren konnten, hat sich aber in den letzten zwei, drei Jahren ein bißchen im Sand verlaufen. Die Marktlage bezüglich kleiner Boardcompanys brauch` ich ja hier wohl nicht auch noch näher zu erläutern.

Jemals rechtliche Probleme aufgrund eines Artikels/Ausgaben bekommen?
Nix ernsthaftes, obwohl wir in jeder Ausgabe wenigstens einen Artikel, eine Formulierung oder ein Photo hatten, über das wir diskutieren mußten, ob man das so bringen kann usw… Um das spontanste Beispiel zu nennen, denke ich da nur an eine handschriftliche Presseerklärung der R.A.F., komplett mit primitiv rotem Stern-Logo aus Buntstift gezeichnet, also ganz offensichtlich von einem pubertierenden Pseudo-Revoluzzer mit Langeweile im Matheunterricht, aber wir haben das halt damals 1:1 in den Leserbriefen gebracht, in einer der allerersten Ausgaben. Sowieso hatten wir ständig Anarchiezeichen im Heft, Bilder vom Bongrauchen, frivoles Schreiben mit Drogenverherrlichung, linkem Gedankengut und einem gepflegten Führerhumor, nackte Menschen und andere ”jugendgefährdende” Inhalte… Die Gefahr war schon permanent da, gar nicht immer rechtlich, oft auch schon rein moralisch, schließlich waren wir auch ganz groß im (berechtigten) Dissen. Ist aber alles gut gegangen, wir mußten höchstens mal persönlich was gerade bügeln, jetzt wo ich das schreibe, sogar ganz schön oft, aber es konnte immer alles geklärt werden und man blieb Freund. Richtig rechtlich war aber nie was, das hätte uns auch noch gefehlt, denn Streß hatten wir an anderen Fronten wirklich genug. Hoffen wir, daß mit der letzten Ausgabe nicht noch irgendwas kommt…

Meist kritisierte/umstrittenste Ausgabe oder Cover?
Einzelne Ausgaben waren eigentlich nie umstritten, höchstens einzelne Artikel oder sowas. Wenn du schon nach Covern fragst, waren unter unseren ersten zehn Ausgaben ein paar dabei, die – spätestens bei der Gestaltung – ich heutzutage selbst nicht akzeptieren kann, z.B. Ausgabe 3 mit Dirk Rösen und einer unscharfen Indy Air-Silhouette. Bei Ausgabe 37 kann ich mich auch erinnern, daß ein paar Leute geschimpft haben, weil sie dachten, das wäre ein Snowboard-Photo. Wir fanden das Bild Amok (schwarz/weiß Bs Kickflip in einem noch nicht geflutetem Kanal – Ditch-Style Deluxe!). Letztendlich würde ich sagen, haben wir einfach immer gute Arbeit abgeliefert, halt auf unsere ganz spezielle Art, aber das Positive hat das Negative ganz sicher immer um Längen überschattet, zumindest für diejenigen, auf deren Meinung wir Wert legten und legen. So gesehen wurde sich wenn dann am meisten um meine Vorwörter gestritten und das Maul zerrissen, genauso wie ich es immer haben wollte, herrlich.

Deine Vorwörter im BOARDSTEIN hatten meist mehr Text als unsere gesamte Ausgabe. Wie zum Teufel saugt man sich das alles aus den Fingern?
Das frag` ich mich auch manchmal… Mag daran liegen, daß ich außerhalb meines Freundeskreises, glaube ich, ein eher stiller und beobachtender Mensch bin. Ich kann mich wahrscheinlich schriftlich besser öffnen und ausdrücken und hab` ja gerade in den Vorwörtern immer auch gerne sehr persönliche Sachen geschrieben, das ist dieses Fanzine-Ding und das sind meine Wurzeln, weswegen ich überhaupt angefangen habe zu schreiben, Briefe und so. Und ich finde es wichtig und vermisse es immer sehr bei anderen Magazinen, daß sich die Leser mit den Leuten, deren Zeug sie lesen, irgendwie identifizieren oder sie zumindest einschätzen können. Damit dann möglichst keine Fragen offen bleiben, formuliere ich halt alles so ausführlich, daß mich hinterher jede(r) verstanden hat, ergo sehr viel Text. Das ist halt der Vorteil zum gesprochenen Wort, wenn man etwas schreibt oder tippt, und es ist eine meiner schlechten Eigenschaften, mich ständig rechtfertigen oder meine Lage erklären zu müssen, eben damit mensch besser versteht, warum ich was schreibe oder sonstwie tue. Letztendlich kann man wohl sagen, daß mir hinsichtlich des Schreibens vielleicht einfach ein gewisses Talent gegeben wurde, daß ich irgendwie nutzen und ausleben muß, weil mein Kopf sonst wohl platzen würde. Denn der ist immer voll und am Rotieren, auch etwas, was ich nicht abstellen kann…

Von Anfang an schien die Skateboardgemeinde geteilter Meinung über das BOARDSTEIN zu sein. Entweder voller Begeisterung und Bewunderung oder schlicht Daumen nach unten. Was ist deine Erklärung für diese polarisierende Wirkung?
Etwas worauf ich besonders stolz bin, wir waren in vielerlei Hinsicht einzigartig und haben uns an so gut wie keine Regeln des normalen Magazinmachens gehalten. Das gilt für die Skateboardszene wie auch für den ganz normalen Zeitschriftenmarkt, fängt ja schon mit unserem horizontal aufgestelltem Titelschriftzug an. Damit ist schon mal gegeben, daß uns kleinkarierte Menschen, die nicht wissen, wie viel Spaß Lesen machen kann, nicht verstehen und nichts mit uns anfangen können. Tja, und wenn man denn Artikel nicht kürzt, sondern die Schrift so klein macht, bis es, in unseren Augen noch zumutbar, paßt, unbekannte Skater zeigt, Transition und Skatepark-Photos zeigt, Photos generell nicht nur in A4-Größe bringt, vielleicht sogar manchmal technisch nicht ganz einwandfreie Photos von Nachwuchsphotographen bringt usw. usf., dann ist man schon mal tabu für einen Großteil der ganzen Styler-Affen, die unsere einstige Kunstform mit ihrem ignoraten Gehabe zu einer Sportart verkommen lassen und höchstens durch hartes Skateboarding bereichern. Ja, wir waren halt auch von Anfang an immer ehrlich und hatten gerne eine große Klappe, das fanden auch nicht immer alle geil. Andere meinten immer, wir wären zu sehr Punkrock, was ich ganz sicher nicht bestreiten kann oder will, aber letztendlich haben wir ein Heft für Skater gemacht und immer darauf geachtet, diesbezüglich für ausnahmslos alle was zu bieten, und mir kann keine(r) erzählen, daß uns das nicht gelungen ist. Damit kommen wir zu einem weiteren wichtigen Punkt, denn ich selbst war garantiert auch ein Grund, der vielen auf die Nerven ging. Denn ich bin schon ein sehr egozentrisches Arschloch und schreibe sehr persönlich und viel über mich und meine Welt, selbstverständlich mit den dazugehörigen Photos, so daß meine Hackfresse vielleicht manchmal ein bißchen zu oft zu sehen war (dieses Phänomen habe ich in der letzten Ausgabe natürlich nochmal voll ausgekostet)! Wir haben uns halt schon immer gerne selbst abgefeiert und haben im Endeffekt nichts anderes gemacht als ein Fanzine in Farbe, und die Tatsache, daß viele, die das hier lesen, wahrscheinlich noch nicht mal mehr wissen, was ein Fanzine ist, lassen wir dann einfach mal bei dieser Antwort traurig am Schluß stehen.

Eure Lieblingsschriftgröße ist 7?
Nee, eher 23! Wir haben wie gesagt nach dem Motto gelebt und gearbeitet ‘Was nicht paßt, wird passend gemacht!’, denn Kürzen ist scheiße im journalistischen Sinne der Wahrheit. Zudem wollten wir den Lesern Inhalt bieten und nicht ein Heft, was ratz fatz durgelesen ist. Und daß sich dazu mehr als genug Material anfinden würde, wußten wir schon im letzten Jahrtausend, als wir anfingen, das Mag zu planen. Als wir monatlich erschienen sind, war die Schrift natürlich auch viel größer, als wir dann zweimonatlich rauskamen, hatten wir auf einmal immer mehr Material für weniger Seiten. Grundsätzlich hatten wir danach immer zu wenig Seiten für den Inhalt einer Ausgabe, aber wir wußten auch immer, jede Ausgabe kann unsere letzte sein, und deswegen haben wir jedes Mal versucht, so viel wie möglich rauszuholen, die ganzen neun Jahre lang.

Skateboarding steht für dich für…?
Spaß, Selbstverwirklichung, Kreativität, Freiheit, Freundschaft, Reisen, sportliche Betätigung mit Anspruch und viel viel mehr und alles ohne Grenzen… Es gibt wirklich viel zu viele Wörter, die man da jetzt noch ranhängen könnte, denn es ist schließlich irgendwiewo mein Leben. Und ich denke, das macht es so besonders, weil irgendwie alle ihre eigene Definition davon, wir aber alle viele Überschneidungen und damit ganz viel gemeinsam haben. Das macht Skateboarding so vielfältig und in vielerlei Hinsicht einzigartig. Außerdem fühlt es sich verdammt gut an und sieht geil aus! Letztendlich nur mit Sex zu vergleichen, aber den kann man nicht alleine machen, zumindest nicht voll ausschöpfen.

Wie darf man sich einen Tag in den Redaktionsräumen des BOARDSTEINs vorstellen?
Ich hab` ja in Dortmund immer auch in der Redaktion im Keller gewohnt, hatte allerdings schon die letzten fünf Jahre auch eine Wohnung mit meiner Freundin in Hamburg, so daß ich mir den Monat immer so Hälfte/Hälfte aufgeteilt hab`. Deswegen mußte ich mich hier in Dortmund immer sehr auf die Arbeit konzentrieren und habe versucht, in Hamburg auch ein bißchen zu leben. Ein typischer Tag in Dortmund lief also meistens ganz einfach so ab: So um Neun aufstehen, Rechner an, mein Kollege Klaas trudelt irgendwann ein, wir sitzen beide den ganzen Tag am Rechner und machen unseren Kram, inklusive reichlich Telefonaten, vor allem bei Klaas. Natürlich reden wir auch nebenbei mal miteinander, es kommt mal Besuch vorbei und den ganzen Tag läuft Musik, was Klaas nicht immer toll fand… Wenn wir gut waren oder Praktikanten hatten, gab`s zwischendurch auch mal sowas wie Mittagspause. Klaas fuhr dann irgendwann zwischen Sechs und Acht nach Hause und ich saß meisten bis nach Mitternacht oder noch viel später am Rechner, dann Rechner aus und vom Schreibtisch ins Bett. Zwischendurch mal skaten gehen, z.B. in unserer eigenen T.F. im Keller nebenan, und am Wochenende ans Licht und unter Leute, weil den ganzen Tag nur Neonröhren machen irgendwann kaputt in Kopf, siehe mich!

In vielen Marketing-Abteilungen der Skateboardindustrie riecht es streng nach Angstschweiß. Was sind deine Prophezeiungen für die nähere Zukunft und siehst du noch mehr Bäume im Blätterwald der Skateboard Magazine fallen?
Was Prophezeiungen angeht, ich habe mir vor gut zehn Jahren ‘Apocalypse soon’ auf den rechten Unterarm tätowieren lassen und die Angst, diese selbst noch live mitzuerleben, ist mein ständiger Begleiter, seit ich vor 20 Jahren angefangen habe, mein Gehirn zu benutzen. Ist sicher nicht besser geworden, als ich ein paar Jahre später abhängig vom Kraut der Bewußtseinserweiterung wurde. Aber wenn man sich mal die Weltlage anguckt, globale Klimaerwärmung – eine viel tiefgreifendere Thematik, als die Regierungen uns glauben lassen – und den allgemeinen Frust unter den Menschen, so halte ich für dieses Jahr und die kommenden alles für möglich, deswegen weiß ich auch grad nicht so genau, wie ich meine weitere Zukunft angehen soll. Ansonsten bin ich mir sicher, daß sich gerade der vollkommen übersättigte Magazinmarkt gerade in Deutschland dieses Jahr noch gesund schrumpfen wird und auch noch andere Magazine und Zeitschriften generell das Zeitliche segnen werden. Ist halt der Trend der Zeit, das geschriebene Wort verliert immer mehr an Wert, gerade auf Papier gedruckt. So gesehen blicke ich äußerst pessimistisch in die Zukunft, vielleicht aber auch einfach nur realistischer als andere Menschen? Fragen, die einem nur die Zeit beantworten wird…

Jake Phelps, Chef Ed des Thrasher, hat mal wieder den Mund zu voll genommen und sich mit seinen ‘5 Days Of Hate’ zum Idioten gemacht. Wenn man schon Skater aus seinem Magazin verbannt und die Erklärung hierfür groß ankündigt, sollte man auch die Eier haben, dies auch zu verwirklichen. Gab es jemals Skateboarder, welche nie im Leben Coverage im BOARDSTEIN erhalten hätten und wie denkst du über diese Aktion von Thrasher?
Also von Jake Phelps halte ich ehrlich gesagt nicht allzu viel, der war mir schon immer zu arrogant und patridiotisch, und daß Thrasher auch heutzutage noch die Bibel des Skateboardings sein soll, ist einfach lächerlich, die sind genauso limitiert und abhängig wie andere Magazine. Und alleine die Behauptung, daß Skateboarding eine Bibel haben soll, ist paradox, und wenn dann kann diesen Anspruch nur Big Brother für sich erheben. Denn wenn alle immer sagen, im Skateboarding geht es nur um Spaß, dann haben die das am ehrlichsten ausgelebt und waren immer offen für alles und jeden, uns BOARDSTEIN und auch mich als Mensch haben sie zumindest maßgeblich inspiriert und beeinflußt. So gesehen waren wir auch nie limitiert, was Leute im Heft anging, im Gegenteil, unbekannte Fahrer haben wir viel lieber ins Heft genommen als die, die man überall schon sieht, da haben wir sehr drauf geachtet. Und so hatten viele Stars von heute bei uns ihr erstes gedrucktes Photo, genauso wie unzählige Leute Bilder bei uns hatten, bei denen es das einzige in ihrem Leben sein wird, das war ja einer unserer Hauptgründe, das Magazin überhaupt zu starten! Später war es dann immer besonders witzig, wenn wir Bilder von bekannteren Leuten im Heft hatten, von denen wir wußten, daß sie uns nicht so toll finden, da haben wir uns dann manchmal einen Scherz drauß gemacht, die extra reinzunehmen, sofern die Photographen Bilder zur Verfügung gestellt haben. Wir haben wirklich zugesehen, jeden mal im Heft zu haben, das haben natürlich nicht alle geschafft, aber wir mußten ja auch frühzeitig abbrechen.

Bei wem möchtest du dich für ihre Unterstützung des BOARDSTEIN bedanken und auf was oder wen ‘’scheißt” ihr?
Bedanken sicherlich als erstes bei allen Lesern, Fans und Freunden, die uns ständig mit Lob und aufmunternden Worten zum Weitermachen motiviert haben. Wenn einen wildfremde Menschen auf den Mund küssen und sich für gute Arbeit bedanken und man Jahre später zusammen auf Tour geht, fühlt sich das Ganze irgendwie alles richtig an. Dann ganz wichtig die vielen Photographen, Graphiker und Schreiberlinge, von denen eigentlich nie auch eine(r) je irgendeine Form von Bezahlung gesehen hat, BOARDSTEIN war immer ein rein ehrenamtliches Magazin, so gesehen wirklich von Skatern für Skater. Und dann sind da natürlich ein paar Firmen, die sich mehr oder weniger oft, mehr selten und wenig häufig, durchringen konnten, bei uns Anzeigen zu schalten, oder wenigstens mal eine. Das gilt gerade für die ganzen kleinen Underground-Companys, bei denen wir wußten, daß sie auf einem ähnlichen Level wie wir arbeiteten, uns aber trotzdem unterstützen, so gut sie eben konnten. Ganz besonderer Dank geht dann an Carhartt, ohne die wir schon nach drei Jahren das Zeitliche gesegnet hätten und die uns mit diversen Aktionen das ein oder andere Mal das Leben retteten. Was den sogenannten Mainstream angeht, waren es eigentlich nur Carhartt und in den letzten Jahren Vans, die uns durchgehend angemessen unterstützt haben. So gesehen habe ich natürlich eine gewisse Gleichgültigkeit, leider auch teilweise ein bißchen Verachtung, gegen gewisse Leute in der Industrie entwickelt, die meiner Meinung nach Skateboarding nur nehmen, aber nicht angemessen oder falsch zurückgeben, aber von denen kann ich mich jetzt noch besser fernhalten als vorher. Deswegen habe ich hier eigentlich nur unermeßliche Worte des Dankes auszusprechen an alle, die uns in irgendweiner Weise gut gestellt waren, ich hoffe, man sieht, hört oder liest sich bald mal wieder!

Welche Skateboardmags liest du am liebsten?
Ich habe ein riesiges Skateboardmagazinarchiv und meine Lieblinge gibt es inzwischen nicht mehr und die sind hier in dem Interview auch schon an anderer Stelle genannt worden. Halt Mags, bei denen Humor und Anspruch in einem ausgewogenen Verhältnis stehen, nämlich mindestens 50/50. Big Brother, Slap, Concussion, Fanzines natürlich… ich mag halt Gonzo-Journalismus. Ansonsten finde ich The Skateboard Mag und Skateboarder (gibt`s die eigentlich noch?) sehr gut vom Textlichen. The Mag hat gute Leute wie Dave Carnie, Chris Nieratko und als Gegenpol Dave Swift und Paul Zitzer. Beim Thrasher weiß jeder, daß Michael Burnett der eigentliche Chefredakteur ist, und ansonsten mag ich vereinzelt einige Schreiber bei anderen Magazinen, wobei ich sagen muß, daß ich die Storys von Patrick O`Dell sehr vermisse. Den britischen Humor von Sidewalk und Document mag/mochte ich auch immer sehr, insgesamt lese ich wohl am liebsten englischsprachige Mags. Von den deutschen Schreibern kann eigentlich keiner wirklich über sich selbst lachen und die Hälfte hat einen viel zu großen Stock im Arsch, was nicht heißen soll, daß die alle nur Scheiße oder schlecht schreiben. Aber keine Ahnung, ich denke eigentlich nicht, daß wir ein humorloses Volk sind, als lacht mal mehr oder bringt uns zumindest zum Lachen, es geht nicht nur um Style!

BOARDSTEIN Ausgabe, welche dir am besten gefällt?
Natürlich jede, weil wir wirklich für jede den Umständen entsprechend alles gegeben und uns meiner Meinung nach bis zum Schluß und bis zur letzten Ausgabe immer noch verbessert haben. Ansonsten fand` ich unsere Sonderausgaben immer sehr gelungen, bei sowas kam immer besonders mein Sinn zum Perfektionismus und zur Vollkommenheit ans Tageslicht, die 23 Jubiläums-Rüblicksausgabe, die Nostalgie Ausgabe, die Photo Issue, zum Schluß die Ladies Issue… Ganz wichtig war auch unsere Sonderausgabe zum Thema Skateparks, die man inhaltlich auch heute noch so stehen lassen kann. Leider hatten wir damals nicht genug Seiten und uns fehlte zum Schluß auch ein bißchen Zeit, das Ganze optisch ein bißchen ansprechender und schmackhafter für Sozialarbeiter, Verwaltungsangestellte, Beamten und Co. zu machen, die Schrift war z.B. gerade in dieser Ausgabe für diesen speziellen Bedarf einfach zu klein. Ansonsten wird mir garantiert auch unsere Abschiedsausgabe ganz besonders gut gefallen, das weiß ich jetzt schon, weil sie diesen Moment gerade Form und Farbe annimmt.

BOARDSTEIN Ausgabe, die du lieber hättest sein lassen?
Vielleicht alle!? Nein, ganz sicher gar keine, ich bereue nichts und habe ganz normal Fehler gemacht wie jeder Mensch. Solange ich der Meinung bin, daß die mich weitergebracht haben, kann ich nicht sagen, ich hätte irgendwas lieber sein lassen sollen. Magazine machen rules!

BOARDSTEIN Ausgabe, bei der du dachtest ‘Jetzt verrecken wir alle’?
Wie gesagt, dunkle Wolken und Existenzangst waren unsere permanenten Begleiter und jede Ausgabe hätte unsere letzte sein können. Wir waren so gesehen im wirtschaflichen Sinne schon nach den ersten fünf Monaten pleite und somit jederzeit aufs Verrecken und alles vorbereitet.

BOARDSTEIN Ausgabe, bei der du dachtest ‘Wäre ich bloß in der Schule geblieben’?
Ich träume nachts komischerweise sehr viel von meiner Schulzeit, aber daß ich da jetzt besonders gerne geblieben wäre, wüßte ich nicht. Ich habe nicht zuletzt ein Studium für das Magazin abgebrochen, wenn ich das auch nur angefangen hatte, um ein bißchen was Sinnvolles zu tun und besser an Jobs zum Überleben ranzukommen. Letztendlich ist das Leben die beste Schule, und BOARDSTEIN haben wir wirklich gelebt, mit allen Höhen und Tiefen, deswegen hatte ich ja auch immer das Gefühl, etwas Sinnvoles mitteilen und weitergeben zu können.

Bester Tip, den du jemals erhieltst?
Um nicht philosophisch zu werden und beim Skateboarding zu bleiben, kam der von meinem Kollegen Klaas in den Anfangstagen, als ich noch nicht so viel Bowls gefahren bin: Nämlich daß ich Corners versuchen sollte, immer ganz oben zu carven, um maximalen Speed zu halten. So hat er sich wahrscheinlich nicht ausgedrückt, aber so möchte ich das gerne weitergeben. Ich habe jedenfalls schnell gemerkt, daß sich die Lines dann von ganz alleine finden bzw. in schlechten oder harten Bowls leichter finden lassen. Trotzdem bleibe ich dabei: Streetskating ruined my life.

Die wichtigste Frage zum Schluß! Wer von euch ist im Besitz einer Kirk And The Jerks CD und wie komm` ich zu einer Kopie???
Da muß ich mal bei Dr. Skaterock alias Flow Hofmeister nachfragen, seines Zeichens Mitarbeiter der ersten Stunde und Herausgeber des ehemaligen Skaterock Fanzines. Der kann uns sicher weiterhelfen, ich wollte den nämlich auch nochmal wegen ein paar raren Sachen nerven…

Ein Kommentar
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  1. Wenn du zu hoch carvst, fängst du an zu grinden, und dann verlierst du an Speed.

    Gutes, mitreissendes Interview! Danke.

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