DJ BOARDSTEIN GOES UGANDA

Hallo Deutschland!

Jaaa, hier das Arne mit einem ersten Lebenszeichen aus Uganda! ‚Hurra, wie leben noch‘ ist jetzt ein bißchen übertrieben, aber so`n bißchen was durchgemacht habe ich bereits in meinen ersten zwei Wochen hier. War ja eigentlich auch nicht anders zu erwarten, und um an dieser Stelle mal Charlie Sheen zu zitieren, der nicht in Vergessenheit geraten sollte: „Ich kenne nur eine Richtung, und die heißt ‚Go!’…“

Vielleicht an dieser Stelle ganz am Anfang mal ein kleiner Text, den ich für die Skate-Aid Webseite geschrieben habe und der seit ein paar Tagen dort online ist und eventuell hier nun auch euch erfreuen soll, denn ich halte ihn tatsächlich für einigermaßen gelungen. Das tue ich letztendlich natürlich immer, wenn ich was geschrieben habe, sonst würde ich es gar nicht erst wagen, mit irgendwas an die Öffentlichkeit zu gehen. Und ich gehe mal davon aus, daß die meisten von euch eher selten bis nie die Skate-Aid Seite anklicken tun, und wo wir schon bei dem Thema sind: Von Skate-Aid kann mensch halten, was mensch will, ich kenne da auf jeden Fall mehr als genug Hater (Ey Baumi, alter Griesgram, was treibst du eigentlich so?).

Irgendwas fehlt hier…

Für mich ist das jetzt hier nach Costa Rica, Namibia und Syrien das vierte Projekt, bei dem ich mit denen arbeite, und wenn ich vorher irgendwelche großartig schlechten Erfahrungen gemacht hätte, würde ich das wohl nicht wieder tun, ich bin ja nicht so doof, wie ich ausseh`, äh, anders herum. Vielmehr bin ich dankbar, daß ich dadurch so ein interessantes Land wie Uganda kennenlernen darf, das sonst sicher nicht ganz oben auf meiner Wunschliste von zu bereisenden Ländern stehen würde. Denn ich bin überhaupt nicht wirklich Fan von touristischen Reisen in Länder der sogenannten “Dritten Welt“, aber wenn mensch wie in diesem Fall dort eine Mission zu erfüllen hat und dabei den Gospel des Skateboardings missionieren darf, bin ich doch sehr gerne mit dabei. Somit hier jetzt mal kurz jener angesprochene Text, den ich – zumindest für ein paar Tage – exklusiv für die Skate-Aid Seite geschrieben habe. Wie sagte Hase Cäsar vom Spaß am Dienstag seinerzeit noch immer? Bitteschöööööööön…

„Moin zusammen, hier ist Arne Fiehl vom BOARDSTEIN!

Ich habe Ostern dieses Jahr mal an einem ganz besonderen Ort gefeiert, was heißt gefeiert? Verbracht wohl eher, für mich gibt es da nix zu feiern, außer vielleicht nach dem Sonntag auch noch den Montag freizuhaben. Jedenfalls war ich mit meinen Kollegen Gabu und Kiki von Skate-Aid und unserem Rasta-Bro Wasswa in dessen Heimat, einem kleinen Dorf nahe Kisoro, das ist ein Örtchen am äußersten Rand des Dreiländerecks Uganda, Ruanda und Kongo. Zentraler geht es in Zentralafrika nicht und näher am Äquator auch nicht. Dort liegt letztendlich auch die Wiege der Menschheit, wenn mensch den Wissenschaftlern glauben darf, und wie wir alle gerade in diesen Zeiten wissen, sollte mensch dies mehr tun als je zuvor. Auf jeden Fall nahm hier das Übel, das sich Menschheit nennt, irgendwo seinen Anfang…

 

 

Am Horizont zu sehen die Republik Kongo…
Die Berge da hinten sind schon Ruanda…

Was hatte mich denn dort hin gebracht, an diesen besonderen Ort? Die Antwort dazu ist so faszinierend wie simpel: Skateboarding. Vielleicht deswegen zur Erklärung hier einmal kurz mein Werdegang: Ich komme aus dem nördlichsten Norden Deutschlands, bin inzwischen 45 Jahre alt und seit 33 Sommern wohl das, was mensch Skateboarder nennt. Von 2000 bis 2009 war ich für das BOARDSTEIN Skateboardmagazin verantwortlich und seitdem baue ich Skateparks aus Beton und werde vermutlich, wenn`s weiter so gut läuft, im Laufe diesen Jahres mein hundertes Projekt abschließen (Gruß an 100 Ramps aus Indien an dieser Stelle!).

Hier muß noch reichlich mehr gebuddelt werden…

Privat wie beruflich habe ich in den letzten drei Jahrzehnten die ganze Welt bereist und bin durchaus schon öfter an solch skurrilen und/oder geschichtsträchtigen Orten gewesen wie letztes Wochenende. Zur Zeit sind wir dabei, mit Skate-Aid und der Uganda Skateboard Union, deren Skatepark hier in der Hauptstadt Kampala mit einem Bowl zu erweitern und dabei den Locals dieses Betonhandwerk beizubringen, so daß sie in Zukunft mit dem von uns mitgebrachtem Werkzeug und Kellen selbst noch mehr Projekte realisieren können. Das fühlt sich in der Tat nach echter und gelebter Entwicklungshilfe an.

Ich war schon auf einigen ähnlichen Projekten dieser Art in exotischen Ländern, aber letztendlich ist die Motivation dazu immer die gleiche, als wenn ich beruflich und professionell Skateparks in Deutschland oder Europa baue. Denn ich weiß um die magischen Kräfte, die Skateboarding ausmachen, bin ich doch selbst das beste Beispiel dafür. Angefangen 1989 in einem 50 Einwohner-Dorf in der norddeutschen Pampa und nun auf einem Projekt in diesem Moloch, der sich Kampala, Hauptstadt von Uganda, nennt. Was uns Skateboarder eben unter anderem ausmacht, ist die Suche nach neuen Spots und Freunden und dadurch eine Lust – ja vielleicht sogar Sucht – nach Trips und Reisen, was einen wiederum stark, reif und weise macht. Für mich ist Reisen auf jeden Fall die beste Art von Bildung, weil dabei eben Praxis deutlich die Theorie überwiegt.

Ein Krater mit Muhabura Vulkan im Hinergrund…

Und ohne Frage ist Skateboarding ein Schlüssel zur Welt, gerade im Jahr 2021, wo es auch in der letzten Ecke dieses Planeten zu finden ist, wo mensch niemals Skateboarder erwarten würde. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß einem als Skater (oder natürlich als Skateboarderin) auf der ganzen Welt die Türen offen stehen, sofern es dort denn auch Skateboarder gibt. Denn selbst wenn es lokal zwischen verschiedenen Skateszenen Unterschiede oder sogar Konflikte geben mag, halten Skateboarder auf internationalem Level zusammen und sind für einander da. Das beweisen meine Reiserfahrungen ebenso wie die Tatsache, daß es Organisationen und NGO`s wie Skate-Aid gibt, mit denen Skateboarder mehr oder weniger selbstlos anderen Skatern helfen, etwas daß es in dieser Form wahrscheinlich in keiner anderen Sportart gibt. Und unter anderem deswegen tue ich mich auch nach wie vor sehr schwer, Skateboarding überhaupt als Sport zu bezeichnen.

Kiki, Jack und Gabu im Clubraum der Uganda Skateboard Union…

Aber mit dem Bau von Skateparks jeder Art möchte ich anderen, vor allem natürlich jüngeren Menschen, die Möglichkeit geben und dabei helfen, von diesem positiven Virus infiziert zu werden, ganz egal auf welchem Fleckchen Erde. Und in einem Land wie Uganda, das zu den ärmsten Ländern dieser Welt gehört, was offensichtlich wird, wenn man nur einfach aus unserer Unterkunft im Stadtteil bzw. Slum Kitintale auf die Straße geht und wo gerade die Kids und Jugendlichen quasi nichts haben, um sich abzulenken und zu verwirklichen, ist dies natürlich ganz besonders nötig. Durch Skateboarding habe ich Freunde auf der ganzen Welt, und wer kann so etwas schon von sich behaupten? Von den Leuten, die ich kenne, lediglich ein paar Skateboarder…

Danke, Skateboarding, ich bin dir für immer verbunden und werde deinen Spirit weitergeben, solange ich kann!“…

Pittsburgh Steelers represent, ähh, BOARDSTEIN…

Ja, soviel mal zu meinem kleinen Skate-Aid Pamphlet, dem kann und brauche ich wohl erstmal nichts hinzuzufügen, außer vielleicht daß sich meine “Skatekarriere“ tatsächlich jenseits aller Erwartungen entwickelt hat, die ich jemals gehabt haben könnte, wobei ich natürlich gerade am Anfang überhaupt gar keine Erwartungen hatte. Ich fand das einfach nur geil, auf diesem Brett mit vier Rollen rumzuheizen und Tricks zu lernen. Nach meiner ersten Australien-Reise 1997 im Anschluß an meinen Zivildienst wußte ich dann allerdings, daß ich beruflich am liebsten irgendetwas machen wollte, das mit Skateboarding oder wenigstens mit Reisen zu tun hatte, eben um möglichst viel rumzukommen und Spots und Menschen kennenzulernen. Und wenn man jetzt bedenkt, daß ich quasi seit 21 Jahren mein Geld irgendwie innerhalb Skateboardings verdiene und dabei halbwegs die ganze Welt gesehen habe, weiß ich sehr gut, daß ich damals die richtige Entscheidung getroffen und mich im Großen und Ganzen scheinbar nicht allzu doof dabei angestellt habe. Dickes Küßchen an alle, die bis hierher irgendwie Teil dieser Reise gewesen sind!

Aber doch nicht mit den Fingern, Jungs!

So, und wat gibbet denn nun so alles zu Uganda zu erzählen? Puh, eine ganze Menge würde ich sagen, denn wie oben schon erwähnt, war ich mal gerade drei Tage hier, als es schon auf den erste Trip innerhalb dieser Reise ging, der sich wohl in den noch anstehenden fünf Wochen wahrscheinlich auch nicht überbieten läßt, denn echter Uganda, als wir es in den vier Tagen in und um Kisoro gesehen und erlebt haben, geht wohl nicht. Mein spanischer Freund Gabu, namentlich Gabriel Roma Santos, der u.a. auch schon in Namibia und Syrien mit von der Partie war, und Kiki, Kyryl Beranov, ein Ukrainer, der in Ottawa, Kanada, aufgewachsen ist, wollten hauptsächlich dorthin, um die Berggorillas zu sehen. Der Mgahinga National Park ist so ziemlich der einzige Ort auf der Erde, wo dies in dieser Form (noch) möglich ist, und Wasswa, unser Rasta-Freund, der auf den Straßen Kampalas großgeworden ist, dessen Familie aber eben aus einem kleinen Dorf bei Kisoro kommt, war für die ganze Unternehmung der perfekte Tourbegleiter, weil er auch wirklich ein Talent dafür hat, Fremden ein bißchen was über Land und Leute seiner Heimat zu erzählen.

Wasswa macht uns Zuckerrohr klar…

So ging es dann am Donnerstag vor Karfreitag mit einem recht klapprigen Bus von Kampala aus nach Kisoro, und bereits nach einer Stunde gab die alte Mühle ganz Afrika-Style den Geist auf, und wir mußten gut zwei Stunden warten, bis eine Ersatzkarre rangekarrt worden war. Wiederum eine Stunde später wurde die Fahrt ganz Afrika-Style dann erneut unterbrochen, weil wohl eine Brücke auf der Hauptstraße so beschädigt war, daß sie keine größeren Lasten wie zum Beispiel unseren Bus mehr tragen konnte. Warum es dann über eine Stunde gedauert hat, bis entschieden wurde, einen Umweg – über natürlich nicht asphaltierte Straßen – zu machen, werden wir wohl nie erfahren. Letztendlich dauerte der ganze Trip somit sechzehn statt der eigentlichen acht Stunden und wir kamen dann ziemlich genau um Mitternacht reichlich durchgerüttelt und im wahrsten Sinne des Wortes gerädert in Kisoro an, ächz…

Freitags machten wir dann eine ausgiebige Wanderung durch die umliegenden Dörfer und Felder, natürlich mit reichlich Höhenunterschieden, und uns wurde schnell klar, daß Wasswa scheinbar mit jedem Mensch, den wir trafen, irgendwie verwandt zu sein scheint, Onkel hier, Tante da, und Cousins und Cousinen überall dazwischen. An Kindern mangelt es diesem Land sowieso nicht, man könnte auch sagen, daß das ein echtes, wenn nicht sogar das wesentliche, Problem von Uganda ist. Aber ja, es ist schon ein abgefahrenes Gefühl, wenn man Menschen begegnet, die noch nie zuvor einen weißen Mann in echt gesehen haben, und man fragt sich, wie so etwas auf diesem Planeten überhaupt noch möglich ist. Jedenfalls muß mensch sich schnell daran gewöhnen, überall angestarrt und beobachtet zu werden, das kann auf Dauer tatsächlich ein bißchen anstrengend werden, aber gerade die Kids lassen sich zur Not ganz einfach mit Blitzlicht verscheuchen, hihi…

Ein ganz ganz kleiner Teil von Wasswa`s Familie…

Doch nichtsdestotrotz, und das war mir auch schon in den ersten drei Tagen in Kampala aufgefallen, muß man sagen, daß Uganda – ganz anders als zum Beispiel Namibia oder Südafrika – ein Land mit ausschließlich fröhlichen und freundlichen Menschen ist, weil es zum Beispiel hier nie Apartheid gegeben hat. Das war auch meine Antwort, als Kiki mich nach zwei Tagen fragte, was denn meine ersten Eindrücke vom Land seien, ganz klar: Happy people! Da können wir in Deutschland bzw. Europa tatsächlich mal wieder eine Menge von lernen, trotz der allgegenwärtigen zum Teil umwerfenden Armut sind die Menschen super fröhlich, zuvorkommend und hilfsbereit. ‚How are you?‘ hört man täglich mindestens zweitausend mal und lachende Kinder, die einem hinterherlaufen und ‚Muzungu, Muzungu‘ rufen (das heißt quasi ‚Gringo‘ auf Luandi, der einheimischen Sprache neben Englisch), verfolgen einen quasi von morgens bis abends. Ja, mensch lächelt und winkt sich so durch den Tag hier in Uganda.

Happy happy kids überall, und zwar reichlich…

Nicht so schön live zu sehen, ist dann natürlich, wie im Umland von Kisoro die Zivilisation mit Ackerbau und Viehzucht die Berghänge hochwuchert, da sieht mensch wirklich hautnah, wie die maßlose Überbevölkerung sich über die Urwälder, die zu den ältesten des Planeten gehören, hermacht und dabei kaum etwas übrig läßt. So haben die Menschen hier im Gegensatz zu vielen anderen Ländern Afrikas auf jeden Fall schon mal genug zu essen, an allem anderen mangelt es aber extrem und von westlichen Standards kann mensch sich natürlich direkt verabschieden, sobald man aus dem Flugzeug steigt. Jede(r), der/die schon mal in Afrika war, kennt den Ausspruch TIA = This is Africa…

Das war auf jeden Fall schon mal ein sehr eindrucksvoller erster Tag unseres Osterwochenendes, den Karfreitabend verbrachten wir dann, wie sollte es anders sein, trinkenderweise in einer Bar. Ach ja, apropos, da war ja noch was, dieses Corona-Dingens… Dazu muß ich sagen – und das klingt jetzt wahrscheinlich genauso verrückt, wie es sich tatsächlich anhört – daß es das hier irgendwie nicht zu geben scheint. Ich mein`, alle paar Stunden sieht man mal einen Menschen, der/die eine Maske trägt und vor dem ein oder anderen Supermarkt oder am – stets mit schwerer Bewaffnung bewachten – Geldautomaten muß mensch sich vielleicht auch mal die Hände waschen, aber ansonsten ist dieses uns allen so zum Hals heraushängende Ding hier echt kein Thema, was echt total verrückt ist, wenn man mal wirklich drüber nachdenkt. Es wirkt tatsächlich so, als wenn es das hier nicht geben würde, und es ist auch nicht so, daß jetzt die Krankenhäuser aus allen Nähten platzen würden, ganz und gar nicht, und wenn man mal jemanden fragt, kennt niemand irgendwen, der schon Corona hatte oder gar daran gestorben wäre. Das ist wirklich abgefahren, angeblich liegt`s am Klima, welches der Virus wohl nicht mag, hmm hmm…

Partytime in Kisoro…
So sehen Hand-Desinfektions-Stationen in Uganda aus…

Jedenfalls war es echt toll, nach über einem Jahr “Entzug“ mal wieder einen Drink an einer Bar zu bestellen, Samstagabend haben wir sogar auf einer Reggae-Party eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt, ich habe wirklich sehr sehr lange nicht mehr so ausgelassen und hemmungslos getanzt… Ja, der Samstag sollte dann der Tag der großen Gorilla-Wanderung sein und mir war eigentlich vorher schon klar, daß ich mir das Programm wohl nicht geben würde, weil ich echt kein Fan von sowas bin und denke, mensch sollte den lieben Gorillas sowie allen anderen Tieren generell doch lieber ihre Ruhe lassen, wenn mensch ihnen denn schon in atemberaubendem Tempo ihren Lebensraum streitig macht. Und da das Spektakel tatsächlich ganze satte 400,- Euro kostet, nur damit man eine Stunde bei und mit denen rumchillen kann, war für mich klar, daß Gabu und Kiki die Tour ohne mich machen würden, selbst wenn ich das Geld zu diesem Zeitpunkt gehabt hätte, wäre ich nicht mitgekommen.

Ein echter Berggorilla hautnah, Photo von Kiki…

Ich hab` dann stattdessen mit Wasswa eine mit ihm befreundete Familie von Bagwa-Pygmäen besucht und diese Ureinwohner können einem wirklich nur noch leid tun, wurden sie doch ebenso wie die lokale Tierwelt ihrer Heimat beraubt und dürfen die vom Militär bewachten Wälder zum angeblichen Schutz der Gorillas, die mehr oder weniger die wichtigste Einnahmequelle des Landes darstellen, nicht mehr betreten. Stattdessen wurden ihnen die von Bimsgestein übersäten unfruchtbaren Ländereien am Fuße des erloschenen Vulkans Murabura zugeteilt und von den Einnahmen, die ihre “Landsleute“ – von denen sie natürlich als Untermenschen verachtet werden – durch die Gorillas machen, sehen sie selbstverständlich keinen Cent.

I like…

Zu Tränen gerührt hörte ich zu, wie die Mama der Familie, die nicht so genau wußte, wie alt sie war, aber irgendwas um und bei 95 Jahre sein mußte, mich dafür lobte, daß ich eben nicht mit auf die Gorilla-Wanderung gegangen sei, weil auch sie der Meinung ist, daß man diese göttlichen Geschöpfe, mit denen sie Jahrtausende lang friedlich koexistierten, lieber in Ruhe lasse solle. Trotzdem fehlte der Familie, seit wegen Corona wie überall in Afrika die Touristen ausblieben, ihre letztendlich einzige Einnahmequelle. Denn Wasswa, ein wahrer Held von Mensch, der ihre Geschichte für mich übersetzte, hatte ihnen beigebracht, wie man aus bunten Plastikfäden, die sie aus ganz normalen Müll regenerierten, kunsthandwerkliche Gebrauchsgegenstände herstellt, die sie dann wiederum an Touristen verkaufen. Als ich dann einen 50.000,- Schilling-Schein aus meinem Portmonnaie zog und versuchenderweise heimlich Mama zusteckte, klatschte die ganze Familie lange und dankbar und mir wurde noch nie ein ehrlicherer und respektvollerer Applaus entgegengebracht. Mama drückte mir dann ein paar vor Samen strotzende Knospen Buschgras in die Hand und wir rauchten noch einen Plastikflaschenbong zusammen, was sich besonders gut anfühlte, weil Marihuana an sich in Uganda ziemlich doll verboten ist. Ich drückte ihr dann zum Abschied noch einen Schein in die Hand und sie lief mir dann hinterher und umarmte mich nochmal mit Tränen in den Augen. Mann, ey, das Ganze hat mir echt so viel mehr gegeben, als irgendwelchen Silberrücken beim Gräser kauen zuzugucken…

Wasswa und seine Dealerin…
Jah bless da herb…

Den Sonntag verbrachten wir dann bei Wasswas Mutter, schließlich war Ostern und die erzkatholische Frau wollte uns natürlich ein Festmahl zubereiten, was ihr auch ganz klar gelungen ist. Wir schliefen dann unsere letzte Nacht auch in Wasswas Heim und nicht im Hostel, denn Montagmorgen um Sechs mußten wir uns schon wieder aufmachen, um einen der Busse nach Kampala zu ergattern, und sollte jemand von euch sich jemals auf die Reiseroute Kampala-Kisoro-und-zurück machen, spart nicht am falschen Ende und laßt euch nicht auf einen Trip mit Baby Coach ein, denn der Bus war tatsächlich noch klappriger als der von der Hinfahrt. Und wenn man sich dann zeitweise eine Sitzreihe mit in Plastiktüten geparkten lebendigen Hühnern teilt oder für ein paar Stunden ein kleines schwarzes Mädchen auf dem Schoß hat, dann klingelt es wieder in den Ohren, TIA… Die Fahrt verlief dann immerhin ohne besondere Vorkommnisse, dauerte aber trotzdem zwölf Stunden und war auf den mit Stoff überzogenen Holzbänken eine noch größere Qual als die Hinfahrt, doch was tut mensch nicht alles für solche Erfahrungen, die das Leben noch lebens- und liebenswerter machen!?

Wie kann man da nein sagen?

Tja, vielleicht sollte ich dann auch nochmal ein bißchen was zu dem eigentlichen Grund, für den wir in Uganda sind, erzählen, die Erweiterung des Skateparks mit einem Bowl, schließlich ist das hier keine Urlaubsreise, sondern eine durchaus ernstzunehmende Arbeitsmission. Ein wichtiger Mann hier im Viertel ist unser Freund Jackson Mubiru mit seiner Frau Mama Jack und den drei Kindern Jackie, Jovia und John Raymond (ein viertes ist gerade diesen Moment auf dem Weg, sagte ich schon etwas zu der Überbevölkerung hier im Land?). Jack wurde Anfang des Jahrtausends auf Skateboarding aufmerksam und schaffte es bereits 2005 den ersten kleinen Skatepark des Landes in Kitintale bauen zu lassen, und zwar Terrazzo-Style. Ein paar Jahre später wurde dieser dann mit einem ziemlich sinnlosen oder zumindest sehr hart zu skatenden Fläche eine Etage höher erweitert, damals war Skate-Aid dann schon involviert, und nun bauen wir halt daneben dann noch einen Bowl.

Das Problem dabei ist, daß der ganze Park am Fuße eines Berges liegt, und somit regelmäßig überflutet wird, deswegen konnten wir den Bowl nicht einfach ausbuddeln, sondern mußten erstmal zwei Meter hohe Mauern mauern und den Innenraum dann mühselig mit Erde auffüllen, wovon gut zwei Drittel der Arbeit schon geleistet war, als ich hier angekommen bin. Verantwortlich dafür sind natürlich hauptsächlich lokale Arbeiter, vor denen man nur den Hut ziehen kann, denn was die an knallharter Arbeit in dieser schwülen Hitze – April ist hier der feuchteste Monat im Jahr – für einen Hungerlohn abreißen, ist unglaublich. Mir wurde bereits nach zwei Tagen der Spitzname ‚OG‘ angehangen, was wohl vor allem daran liegt, daß hier alle echt auf meine Tattoos abfahren und ich als Muzungu durchaus auch in der Lage bin, harte Arbeit abzuliefern, wenn auch sicher nicht so knallhart wie eben diese Boys, dafür ist mir die Hitze einfach zu fremd.

Das soll mal eine Quarter werden…

Da wir zwischendurch auf die Maurer und ihre Mauer warten mußten, haben Kiki und ich den bestehenden Park schon mal mit einem Curb ergänzt, der jetzt noch von den Terrazzo-Boys fertiggestellt werden muß, und wir werden auf der Fläche auch noch eine Quarterpipe bauen, mit einem echten Radius, anders als die restlichen Gurken-Transitions im Park. Dafür haben wir schon reichlich Blocks und Backsteine an Ort und Stelle geschafft, aus denen mal eine Toilette gebaut war, und ey, es gibt wohl wirklich nichts Widerlicheres als eimergroße Kakerlakennester, durch die wir uns dabei kämpfen mußten. Letzten Mittwoch haben wir dann irgendwo Downtown das Coping gekauft und biegen lassen, was – wie eigentlich alles hier – mal wieder einer richtige Mission war, und zu sehen wie die Arbeiter da im Stahllager zugange waren, sprengte erneut alle Maßstäbe in Sachen Sicherheit am Arbeitsplatz.

Wie überall in Afrika wird Sicherheit auf dem Bau besonders groß geschrieben…
Wir hätten bitte gerne einmal Coping!

Zusammengeschweißt ist das Ganze jetzt schon und morgen geht es dann wohl daran, das Coping in Position zu bringen. Dann müssen wir noch reichlich Erde zum Auffüllen schaufeln, Bewehrung legen, und ja, ich schätze mal, daß wir dann in etwa zwei Wochen vielleicht mal mit dem Betonieren anfangen können, worauf ich mich schon sehr freue, schließlich bin ich dann in meinem Element. Dafür werden wir uns dann wohl auch eine Mischmaschine leisten und ausleihen, bisher wird hier der Beton schön komplett per Hand gemixt, und wer das schon mal gemacht hat weiß, was für eine Schweinearbeit das ist. Zum Glück müssen wir den Beton dann nur noch irgendwie die Mauern hochkriegen, aber ja, Arbeitskräfte sind hier halt sehr billig und die Locals freuen sich sehr, wenn sie überhaupt Arbeit haben.

Was gibt es denn sonst noch zu berichten? Hmm… Also trotz all meiner Reisen muß ich schon sagen, daß ich noch nie in einem Slum gewohnt habe, und die hygienischen Zustände hier sind wirklich miserabel. Die Menschen wohnen zusammen mit reichlich freilaufenden Ziegen und Hühnern letztendlich zwischen ungeklärten Abflußgräben und einer unglaublichen Menge an Müll, vornehmlich natürlich aus Plastik bestehend. Denn, ja, wie fast überall auf der südlichen Halbkugel gibt es hier dieses Plastikmüllproblem, und wenn mensch sich das einfach mal vergegenwärtigt, ist es eigentlich scheißegal, wie wir uns in der westlichen Welt denn so an Recycling versuchen, der Planet ist einfach jenseits aller Reperaturmöglichkeiten versaut. Hört auf meine Worte und wundert euch bitte nicht, wenn er denn bald kollabiert!

Brauchst du Müll, komm` nach Uganda!

Ansonsten hustelt sich jeder hier halt irgendwie so durch, hauptsächlich mit kleinen Läden oder Eßständen, wo alles verkauft wird, was sich irgendwie zu Geld machen läßt. Weggeschmissen wird – außer reichlich Müll natürlich – in Uganda auch nichts, so daß überall Schrott rumsteht und – liegt und Wellblech ist allgegenwärtig, ebenso wie Bora Boras, also Motorräder, das Fortbewegungsmittel der Wahl, gerne auch als Taxi mit bis zu drei Passagieren. Ja, der Verkehr ist wirklich gräßlich und nach jedem Ausflug ist man letztendlich froh, wieder im beschaulichen Kitintale zu sein, wo relativ wenig Autos und Motorräder unterwegs sind, weil es die Straßen einfach nicht zulassen. Es gibt zwar eine Ausgangssperre von abends um Neun bis morgens um Fünf – Corona ist also doch irgendwie präsent – aber so richtig halten tut sich letztendlich auch keiner dran und wirklich von oben durchgesetzt wird das auch nicht. In Kisoro war das wie gesagt komplett scheißegal, wie im restlichen Land außerhalb der Hauptstadt wahrscheinlich auch.

Lecker lecker Bora Bora…
Verkehr in Kampala…

Den Feierabend vertreiben sich unsere stark Hip Hop-geprägten Homies gerne mit Gat kauen, neben lokalem Gin DAS Rauschmittel Zentralafrikas, und ja, nachdem ich in Kisoro zweimal so rein gar nichts dabei gespürt hab`, hatte ich jetzt Freitagfeierabend dann doch diesen euphorischen Kick, den diese Blätter verursachen, und kann nur sagen ‚I like‘. Wenn nur dieses blöde Kauen dazu nicht nötig wäre, am nächsten Tag tun einem echt immer die Backen weh. Da muß ich mir wohl erst noch Hornhaut an den Innenseiten ankauen, naja, vielleicht auch lieber nicht.

Heute haben wir uns zusammen mit Local Peter, so wie der abgeht vermutlich der beste Skater Ugandas, mal nach Downtown begeben, um ein bißchen Streetskaten zu gehen. Und ich muß sagen, meine Erwartungen, was das Spot-Angebot angeht, waren schon nicht besonders hoch gesteckt, wurden aber tatsächlich sogar noch enttäuscht, und ich bin echt bescheiden, was das angeht. So war der quasi Vorzeigespot nicht unbedingt das, was wir bei uns überhaupt einen Spot nennen würden und der Rest der Stadt ist halt einfach super rau und ruppig und alles ist voller Kanten, Spalten und Schlaglöcher. Wenn man tatsächlich mal entwas entdeckt, was annähernd aussieht wie ein guter Spot, kann man sicher sein, daß in nächster Nähe ein oder eher zwei Security Guards im Schatten rumlungern und nur darauf warten, mal was zu tun zu kriegen. Peter meint auch, diese Spots zu skaten sei ein einziger Bust und er ist auch schon dreimal für Streetskaten verhaftet worden. Also zurück zum Zeichenbrett!

Kampala`s Vorzeige-Spot, äh ja…
Kiki mit Ollie up und dann Bs 360°, sieht nicht so aus, aber das ist der Make.
Peter mit Ollie up und 360° Flip von der anderen Seite…
Peter got Pop…

Danach waren wir noch auf dem sich über ganze Straßenzüge erstreckenden Markt in der Innenstadt, weil wir uns mit Second Hand Klamotten eindecken wollten, aber das ganze Gewusel ist dermaßen voll und hektisch, daß man recht schnell die Schnauze voll davon hat. Wie in jeder Stadt der Welt werden auch in Kampala die Menschen deutlich “aggressiver“, sobald man sich ins Zentrum bewegt, und irgendwie scheint weiß zu sein sowieso als Einladung dafür zu stehen, doof an- und vollgelabert zu werden, und wir sind hier gefühlt wirklich die einzigen Weißen im Land gerade. Muß ich also nicht wieder hin, also wird sich Skaten wohl auch in den nächsten Wochen hauptsächlich auf unseren kleinen bescheidenen Skatepark in Kitintale beschränken.

Hallo, ist hier irgendwo Corona?

Nun denn, soviel erstmal von mich, ich denke, ich werde mich dann in zwei Wochen oder so mal wieder mit den neusten Neuigkeiten melden, nebenbei arbeite ich hier übrigens nach Feierabend an meiner Blog-Diplomarbeit, da könnt ihr euch schon mal anschnallen, das wird dann nämlich alles nicht so leckere Kost werden. Die Kernaussage dessen nehme ich nach zwei Wochen in einem Land mit einer der höchsten Geburtenrate der Welt hier jetzt schon mal vorweg:

Hört bitte auf, euch fortzupflanzen, und erspart eventuellen Kindern eine Zukunft, die wir sowieso nicht haben!!!

Aber bleibt gesund und fröhlich soweit!

Grüß und Tüß,
Das Arne

Hier wird wirklich das ganze Paket geboten… Ach ja, es sind auch noch Sticker da!

4 Gedanken zu „DJ BOARDSTEIN GOES UGANDA

  1. Schöner Artikel. Wie kann man eigentlich Skate Aid nicht gut finden!? Check ich nicht ganz. Beste Grüße außäää Heimat.

  2. Naja, ein Kritikpunkt könnte sein, dass man damit Abhängigkeiten schafft. Wo kriegt jemand beispielsweise neue Kugellager her, wenn die alten da in dem Sand und Staub den Geist aufgeben?
    Ein anderer Kritikpunkt wäre vielleicht mit der Frage verbunden, ob ein Drittes Weltland nicht andere Probleme hat, als ausgerechnet ein Skatepark? Daneben ist Skateboarden ja als eine Art „Punk“ entstanden und als Antwort der Jugend auf die betonierten Stadtlandschaften in den Metropolen „der westlichen Welt“ zu betrachten.
    Ob man jetzt also diese „Antwort der Jugend“ in ein Drittes Weltland exportieren kann, darf zumindest mal diskutiert werden.

    1. Moin Maat, sorry, ich hatte beim letzten Eintrag vergessen, dir zu antworten, will das doch nun aber nachträglich noch tun, der Kunde ist ja König, höhö…
      Ähm, ja, also wenn ich so richtig drüber nachdenke, finde ich dein Kommentar sehr westlich und irgendwie scheinst du auch nicht so ganz in der Materie drin zu stecken. Punk und Entwicklungshilfe und dergleichen geht aber sowas von Hand in Hand, und so auch Skateboarding. Wichtig ist, daß es neben dem täglichen Überleben auch Freude und Perspektiven gibt, und zwar überall auf der Welt. Und die Sucht nach neuen Kugellagern würde ich nicht als solche bezeichnen, das ist einfach nur menschlich, wenn mensch Skater ist. Und Skateboarding könnte die Welt retten, wenn du daran nicht glaubst, bist du keine(r) von uns.
      Was auch nicht schlimm wäre, one love…

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