CONCRETE FLOW IN MORDOR

Aber hallo zusammen!

Eigentlich wollte ich das Ganze hier schon Samstag bloggen, aber es kam mal wieder ganz anders, und zwar war ich das Wochenende richtig satt erkältet und zu schlapp für irgendwas, so daß ich meine schöne freie Zeit hauptsächlich schlafend in meiner Halde verbracht habe. Ganz toll, weil man ja sonst nichts zu tun hat. Das mit der Erkältung kam jetzt nicht unbedingt überraschend, das könnte mit unserer Unterkunft hier zusammenhängen, aber dazu gleich mehr. Vorne angefangen bin ich Montagmorgen mit Mikey nach einem flotten Wochenende in Brüssel nach Charleroi gefahren, das ist im Süden Belgiens, nicht ganz `ne Stunde Fahrt. Wir bauen hier neben dem Parkplatz von einem großen neuen Decathlon Geschäft, das seit einem halben Jahr aus dem Boden gestampft wurde, einen kleinen Flowbowl oder wie an das nennen will. Und wie das auf so Großbaustellen nun mal so ist, hätten wir eigentlich schon vor einem Monat anfangen sollen, aber alles hat sich insgesamt und vor allem mit den Erdarbeiten mal wieder verzögert blablabla. Daß diese dann vom Generalunternehmer absolut nicht zufriedenstellend ausgeführt worden sind und wir erstmal gründlich nacharbeiten müssen, ist eigentlich auch Standard, also haben wir dann die letzte Woche, so gut wir konnten, gemacht und getan und uns durch die pechschwarze Erde gebuddelt, wir das sind Kjell und ich, Mikey mußte Donnerstag wieder nach Achères, um sich da um die Baustelle zu kümmern. Und da wir zum Beispiel auch noch kein Stahl geliefert bekommen haben, haben wir uns alles, was wir brauchten, um z.B. das Coping zu setzen, auf der Baustelle aus Resten zusammengesammelt und -geklaut. Mal wieder Improvisation vom Allerfeinsten hier bei Concrete Flow!

So, jetzt baut hier mal einen schönen Skatepark draus…

Freitag war ich dann ganz alleine auf der Baustelle, weil Kjell mit seiner Freundin drei Tage nach Paris gefahren ist, das war schon lange gebucht, wie gesagt, eigentlich hätte die Baustelle jetzt schon fertig sein sollen. Ich also den ganzen Tag alleine irgendwie rumgerödelt, und es war genau halb Drei, als ich bei den Kollegen von STG nach Benzin für die Rüttelplatte fragte, und sie mir erklärten, daß ich gar nicht weitermachen bräuchte, sie hätten gerade die Ansage von oben bekommen, kompletter Baustop auf der gesamten Baustelle! Angeblich geht es um irgendwelche Sicherheitsfragen bei der Baustellenzufahrt, die in der Tat ziemlich improvisiert direkt an einer Hauptverkehrsstraße liegt, aber das halt auch schon seit einem halben Jahr. Die Kollegen vermuteten, daß eine der auf der Baustelle beteiligten Firmen selbst die entsprechende Sicherheitsinspektion angezettelt hatte, weil sie die Deadline nicht einhalten können wird. Nun, das sind irgendwelche durchaus denkbaren internen Geschichten, von denen ich keine Ahnung habe, Fakt ist, wir hatten die Deadline, daß am 15. Dezember große Eröffnung des gesamten Areals sein sollten – und wir könnten das für unseren Skatepark auch locker einhalten – aber wenn man sich auf der gesamten Baustelle so umguckt, zweifelt man schon da dran, daß dort in nicht mehr ganz drei Wochen glückliche Familien ihre letzten Weihnachtseinkäufe erledigen werden. Jedenfalls hatte ich somit am Freitag deutlich früher Feierabend und heute auch frei, was ganz gut ist, um die Erkältung vollends auszukurieren, und ich weiß bis zu diesem Zeitpunkt, Montagnachmittag, nicht, ob und wie es diese Woche weitergehen wird, da Mikey sich melden wollte, sobald er mehr weiß, das aber noch nicht getan hat.

Unsere leckere Baustelleneinfahrt
Hier das Ganze von der anderen Straßenseite

Tja, tolle Situation mal wieder, denn ich bin ja zum Arbeiten hier und nicht zum Rumhängen und eigentlich gibt es in Achères, wo ich ja vorletzte Woche schon für vier Tage war, genug Arbeit, und das Projekt in Hazebrouck soll jetzt eigentlich auch noch anfangen, aber wie gesagt, zu diesem Zeitpunkt bin ich genauso schlau wie ihr, aber das ist halt höhere Gewalt. So einen Baustop, wie er im Buche steht, hab` ich auch lange nicht mehr erlebt. Noch nie erlebt in elf Jahren Montage habe ich allerdings unsere Unterbringungssituation, der ich wie eingangs schon erwähnt auch meine Erkältung zuzuschreiben habe. Ich weiß noch, wie Mike mich letztes Wochenende in Brüssel fragte, was er für uns buchen solle, eine Airbnb Unterbringung etwas Rock`n`Roll in einer Künstler-WG im vierten Stock eines ehemaligen Industriegebäudes oder ein kleines Ferienhäuschen 20km außerhalb von Charleroi. Ich stimmte natürlich für die Rock`n`Roll-Künstler, hätte mich aber vielleicht vorher kurz mal damit beschäftigen sollen, wo wir denn für die nächsten Wochen landen würden. Denn das Ganze hier ist tatsächlich sehr sehr Rock`n`Roll bzw. eigentlich ist das nicht mal der richtige Ausdruck. Es ist in der Tat eine große geräumige Künstler-WG und alles ist sehr spartanisch und rustikal, da kann ich grundsätzlich gut mit leben, gerade weil die BewohnerInnen alles liebe und nette Menschen sind. Allerdings ist es hier drinnen bis auf den Aufenthaltsraum/Küchenbereich dermaßen schweinekalt, daß ich quasi die ganze Woche hindurch unterkühlt war, denn draußen auf der Baustelle ist es Ende November auch nicht unbedingt warm. Aber wenn man dann nach einem langen Tag nach Hause kommt und es ist drinnen quasi kälter als draußen, wie alte Fabrikgebäude es gerne mal an sich haben, geht das schon ein bißchen an die Substanz (ich bin auch nicht der einzige, den es erwischt hat, eigentlich husten und keuchen wir uns hier seit Tagen um die Wette).

Es gibt hier halt keine Heizung (und man fragt sich, wie und was die Menschen hier vorher gearbeitet haben) und in jedem Raum lediglich einen extrem antiquierten Gasheizlüfter, die aber solche großen Räume nicht annähernd aufheizen können, dafür aber einen permanenten Gasgeschmack hinterlassen. Zudem hält eine von den Kartuschen nicht mal 24 Stunden, kostet dafür aber 5,- Euro! Unser Schlafsaal besteht letztendlich aus ein paar Zelten und Matrazen und jeder Menge Wolldecken, die mindestens schon genauso alt sind wie die Heizlüfter. Ich schlaf` ja normalerweise nackt, aber daran ist hier trotz drei Wolldecken eh nicht zu denken, in der zweiten Nacht habe ich dann sogar meine Socken angelassen und ab der dritten komplett mit Pulli und Jogginghose gepennt und es kommt mir so vor, als hätte ich das alles seit fünf Tagen nicht ausgezogen. Am schlimmsten ist es im Bad und auf dem Klo, da überlegt man sich echt zweimal, ob man wirklich gerade muß, aber auch bei uns im Schlafzimmer qualmt der Atem, auch wenn man grad mal nicht raucht.

Unsere Halde für die Nacht
Einer der legendären Heizlüfter, man beachte die chinesischen Schriftzeichen…

Ey, ich wohne in einem Holzhaus im Garten an der Ostseeküste und bin einiges gewohnt und abgehärtet, was Kälte und simples Wohnen angeht, aber die Situation hier hat mich dann doch kurz mal niedergestreckt, so daß ich Samstag und Sonntag in meine Decken und eine Tigerbalsamwolke eingehüllt mehr oder weniger durchgeschlafen hab`, zwischendurch gab`s höchstens mal Kiff, Grog oder Masturbation. Und die Kombination aus diesen fünf Komponenten sorgt seit gut 30 Jahren dafür, daß so eine Erkältung für mich eigentlich auch nie länger dauert als zwei Tage und so scheint es bis auf einen noch etwas kratzenden Hals und Husten auch heute halbwegs überstanden. Aber die letzten zwei Tage hab` ich mich echt elend gefühlt, und die Tatsache, daß ich nicht mal Power zum Schreiben hatte, spricht Bände, was das angeht. Ganz abgesehen davon, wann und wie es hier auf der Baustelle weitergeht, denke ich, sobald wir mehr Leute im Team sind, sollten wir vielleicht doch in das Ferienhäuschen umsiedeln, um die Moral der Truppe aufrecht zu erhalten, da gibt es nämlich ein paar Kandidaten, die sind nicht so hart im Nehmen wie ich und andere.

Im Sommer wäre das hier alles super und gar kein Problem, wie gesagt grundsätzlich sind wir als Betonkünstler in dieser Künstler-WG bestens aufgehoben und der Herbergsvater Serge ist wirklich ein Charakter, den man einfach lieb haben muß. Freitag war dann noch richtig geil, ich mußte in ein kleineres Zimmer umsiedeln (mit nur zwei Zelten und einer Matraze), weil neun andere Gäste über das Wochenende in unseres einziehen sollten, das Ganze hier hat tatsächlich mehr was von einem Hostel als von einer WG. Ich war natürlich schon etwas gespannt, wer diese neun Leute denn sein würden, vielleicht eine Ska-Band oder sogar eine schwedische Damen-Volleyballmannschaft!? Es kam viel besser, und so saß ich hier Freitagabend vom Feierabendgrog schon gut angedingelt und wollte gerade diesen Blogeintrag anfangen, als nach und nach belgische Männer Mitte 30 eintrudelten, die, wie sich herausstellen sollte, ihr jährliches Freundschaftstreffen hier abhalten wollten. So kennen sie sich schon seit der Kindheit und treffen sich einmal im Jahr irgendwo in Belgien – zwei Mann organisieren dann quasi immer ein Überraschungswochenende für alle – und diesmal sind sie halt in Charleroi gelandet, hier in unserer Halde.

Ich war wirklich gerührt von der ganzen Angelegenheit und wünschte mir, ich und meine alten Droogs würden sowas mal auf die Kette kriegen, oder allgemein die ganze Menschheit, auf diese Weise alte Freundschaften pflegen und in Ehren halten, das kommt vielerorts viel zu kurz, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Und obwohl ich die letzten Jahre soviel Zeit in Belgien verbracht hatte, lernte ich erst an diesem Tag, daß es sowas wie eine belgische Tradition ist, vor allem halt in Flandern (die Jungs kommen allesamt irgendwo zwischen Kortrijk und Brügge, aber leben mit Familien und Kindern natürlich inzwischen verschiedene Leben und sehen sich halt nur selten bis gar nicht). Es war wirklich ein super Abend mit den Boys, wir hörten die alten Punk-Schlager der frühen `90er von Bad Religion, Pennywise, Lag Wagon, Millencolin, No Fun At All… und ich erinnerte sie, daß es damals auch noch die geniale Musikrichtung Crossover gab, also gab es auch noch ein bißchen Downset, Biohazard und Dog Eat Dog, und zwar so lange, bis auch der letzte betrunken war.

Dann kam allerdings erst das Highlight des Abends, so ging es später kurz einmal das Treppenhaus runter und in den benachbarten Hauseingang rein ins Rockerill, einen Konzertschuppen im gleichen Gebäudekomplex, wo wir gerade noch rechtzeitig ankamen, um den Hauptact des Abends mitzubekommen, die belgische Spacerock Band Krüsk. Und das Trio hatte es in sich und begeisterte uns gut anderthalb Stunden mit feinstem Spacerock eben, so gut, daß ich mir (natürlich) direkt die Platte dazu gekauft habe, bin gespannt, wie die zu Hause abgeht (wie ich festgestellt hab`, war bereits Samstag ein Clip vom Konzert auf Youtube gepostet, checken hier!). Super Sache alles bis hier hin, ein bißchen ätzend war dann leider, daß die Veranstaltung nach der Band wie so oft heutzutage und ganz egal in welcher Stadt dieser Welt ziemlich schnell in eine Tekkno-Party umschwang. Ich war eigentlich gerade richtig gut drauf und hätte mich gerne noch weiter amüsiert, aber ich kann solche Electrobeats einfach nicht ausstehen, da können die Ladys noch so heiß tanzen. Naja, und als ich dann Samstagmittags aufwachte war ich halt krank, somit konnte ich leider auch nicht noch mehr Zeit mit meinen neun neuen belgischen Freunden verbringen, ja, wenn man schon mal Wochenende hat und was erleben kann…

Kürsk im Rockerill, Charleroi, 22.11.2019

Vielleicht zum Schluß dann noch ein paar Worte zu Charleroi, denn es ist natürlich immer wieder spannend, auf eine neue Baustelle zu fahren (wie klar inzwischen geworden sein sollte, gilt das natürlich ebenso für die dazugehörige Unterkunft), schließlich wird man da ein paar Wochen seines Lebens verbringen. Und dieser Beruf hat mich wirklich schon an ein paar sehr skurrile Orte gezogen, an ein paar wunderschöne natürlich auch. Nun, von Charleroi hatte ich schon so eine Vorahnung, die Stadt hat innerhalb Belgiens nicht wirklich den besten Ruf, wie die gesamte südliche Region, Wallonien genannt, übrigens nicht. Und Charleroi wurde mir immer als extrem Ghetto beschrieben, aber Kjell brachte es am Montag wahrscheinlich am besten auf den Punkt, als er meinte, Charleroi gilt auch als das Mordor Belgiens, das trifft es wirklich sehr gut. Sagen wir mal so, Duisburg wirkt dagegen wie ein Kurort, es ist halt eine alte Bergbau- und Schwerindustriestadt, wobei das meiste davon allerdings inzwischen brach liegt, und obwohl die Stadt für einen Strukturwandel, der noch jahrzehntelang entfernt zu liegen scheint, voller Baustellen ist, hat man so seine Zweifel, daß mensch diese Stadt jemals irgendwie ansehnlich oder attraktiv machen könnte. Ist schon witzig, war ich letztens noch in Seignosse am Bauen, da wo andere hinfahren, um Urlaub zu machen, will in Charleroi ganz sicher niemand nicht Urlaub machen, außer vielleicht neun belgische Freunde für ein Wochenende, die sich hier zum Saufen treffen.

Sagen wir so, die Stadt ist wirklich sehr grau/braun häßlich und trostlos irgendwie, ich mein`, was erwartet man, wenn man als Partnerstadt u.a. Pittsburgh hat, nicht daß ich da schon mal gewesen wäre. Aber Charleroi dürfte ohne Zweifel ganz vorne mitspielen, wenn es darum geht, die häßlichste Stadt Europas zu sein, zumindest gibt es hier reichlich Graffiti, wovon aber jetzt auch nicht alles so super duper ist, und ohne Zweifel gäbe es hier platztechnisch reichlich Potenzial für den ein oder anderen D.I.Y. Spot, daß uns von nicht einem bekannt ist, spricht nicht gerade für die lokale Skateszene. Hier vielleicht am besten einfach mal ein paar phototechnische Impressionen, wozu man sagen muß, die meisten davon sind entstanden, als ich Freitag von unserer Unterkunft zu Fuß die knapp 4km zur Arbeit und zurück laufen mußte (sehr schick ist auch der Ausblick von unserem Dach). Richtig kuschelig wird es hier eigentlich erst, wenn es den ganzen Tag durchregnet und die Sonne nicht rauskommt…

Das macht Lust auf mehr, oder!? Also bei mir macht es Lust auf Meer und Zuhause, aber da muß ich mich wohl noch ein bißchen mit gedulden, weil drei, vier Wochen muß eigentlich noch gearbeitet werden, wenn ich mir dann bis März `ne wohlverdiente Auszeit gönnen will. So gesehen kann ich wohl auch erstmal zum Ende kommen mit mir und Charleroi, mal gucken von wo und über was ich nächstes Mal berichten werde. Ich mein`, schlimmer geht immer, man jammert ja wenn dann durchweg auf hohem Niveau…

Hust hust, keuch keuch,
das Arne

P.S.: Oh Mann, kurz nachdem ich das alles hier heute Nachmittag gepostet hatte, hab` ich nochmal einen kleinen Spaziergang gemacht, ich war ja seit Freitagnacht nicht draußen gewesen und konnte ein bißchen frische(?) Luft gut gebrauchen. Vielleicht wollte ich Charleroi auch nochmal eine Chance geben, im besten Fall würde ich einen brauchbaren Spot finden, von denen es hier auch nicht zu viele zu geben scheint. Ich bin dann auch das erste Mal von der Unterkunft aus westwärts gegangen und nicht wie zur Baustelle stadteinwärts. Und man sollte meinen, im Dunkeln ist das hier alles nicht so schlimm, aber eigentlich wird erst dann deutlich, daß zumindest hier im Viertel mindestens drei Viertel der Gebäude, Wohnungen und Ladenlokale leer stehen, jedenfalls freut man sich geradezu, wenn mal irgendwo Licht brennt. Und wenn man dann mal ein Blick in eine der Wohnungen erhascht, springt einem Elend und Arbeitslosigkeit quasi ins Gesicht, wenn das denn nicht die suspekten Gestalten tun, die hier an den Straßenecken rumlungern… Nein, in Charleroi willste wirklich nicht tot über`n Zaun hängen, ganz egal welche Jahres- oder Uhrzeit, hier ist es wahrscheinlich immer gräßlich bis greulich. Trotzdem freut mich irgendwie, daß ich auch das mal erleben darf…

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