VERSCHOLLEN IN CAUDRY (F)

Bonjours, ca va!?
Qui, ca va, et toi!?

Ja, es wird dann wohl mal Zeit, euch einen Lagebericht aus der nordfranzösischen Provinz zu geben, wo ich ja mal wieder mit Concrete Flow auf Montage gelandet bin. Und wo ich da mal wieder gelandet bin, puh, und wie, dafür fangen wir am besten wie immer mal ganz vorne an…

Also eigentlich hätte ich ja schon am 20. Juli anfangen sollen, hier zu arbeiten, ich hatte auch schon ein (sehr günstiges) Bahnticket für Sonntag, den 19., von Hamburg nach Brüssel und das dementsprechend auch Mikey per Mail mitgeteilt. Deswegen war ich dann doch etwas unangenehm überrascht, als ich ihn den Mittwoch vor Abreise nochmal anrief, um zu fragen, was ich denn alles an Werkzeug mitnehmen solle. Da meinte er dann nur, der Generalunternehmer wäre mal wieder schwer in Verzug und die Copings, ohne die wir nun mal nicht anfangen brauchten, würde erst anderthalb Wochen später geliefert. Nun, verwundert hat mich das eigentlich nicht, ist es doch quasi Standard, daß die Franzacken irgendwas verzocken und zu spät dran sind. Aber es klang am Telefon nicht so, als wenn Mikey mich von selbst nochmal angerufen hätte, doch ich kann ihm dafür nicht wirklich böse sein, so ist er eben, mein Mikey, und man kann ihn wirklich nur lieb haben, wenn man ihn so nimmt, wie er ist, und was er ist, oh mannomann… Immerhin würde er auch das nicht genutzte Ticket bezahlen, wäre ja auch noch schöner, wenn ich dafür gerade zu stehen hätte.

Also hatte ich dann eine Woche mehr Zeit, in Glücksburg rumzurödeln, was mir aber natürlich gar nicht so gut paßte, weil ich den Frankreich Job dann doch gerne möglichst schnell hinter mich bringen wollte, um mich dann mit voller Power in den Monat Endspurt in Glücksburg zu stürzen, aber sollte wohl so nicht sein. Als ich Mike dann Mitte der Woche nochmal anrief, bestätigte er mir, daß ich Dienstag, den 28. in Brüssel anreisen solle, er würde mich dann wie immer vom Bahnhof Midi abholen, wir würden im Byrrrh den Van beladen und uns auf den Highway zwei Stunden gen Süden werfen. Tja, und als ich dann ein Ticket hatte und ihm drei Tage später meine Ankunftszeit durchgab, hieß es auf einmal, wir würden uns dann Mittwoch auf den Weg nach Frankreich machen. Na super, das hieß für mich, mal wieder einen Tag bei Mikey in Brüssel auf Halde abhängen, dabei durchgehend französische Kultursendungen im Radio hören und irgendwie die Zeit totschlagen, klasse, hätte ich auch noch einen Tag länger in Hamburg bei der Kleenen bleiben können, Kuscheln kann mensch nie genug!

Tja, der Tag in Brüssel war dann natürlich auch mal wieder so ein eben verschenkter, organisatorisch hochwertig war nämlich zusätzlich noch von Mikey gewesen, daß er Gian, einer Nachwuchsarbeitskraft aus dem schweizerischen Lugano, den ich schon vom Projekt in Charleroi Ende letzten Jahres kannte, ebenfalls für Dienstag nach Brüssel bestellt hatte. Der hätte auch locker erst am nächsten Tag die halbstündige Zugfahrt von seiner Wahlheimat Antwerpen machen können, so aber durfte er zusammen mit mir rumgammeln und dafür auch noch auf dem Fußboden in Mikey`s Messi-Halde übernachten. Wenn ein Trip schon wieder so anfängt…

Naja, Mittwochnachmittag sollte es dann tatsächlich endlich losgehen, und ich hatte Mikey gebeten, ob wir nicht einen Zwischenstop in Mons, wo wir sowieso auf der Fahrt nach Süden immer vorbeifahren und wo wir vor zwei Jahren einen Park gebaut hatten, einzulegen, um eben diesen Park denn auch endlich mal selbst zu skaten, obwohl ich schon beim Bauen nicht wirklich Fan des wie immer überfancygen Construco-Designs war. Und da der Park in Mons so ziemlich der einzige in Wallonien, dem südöstlichen Ende Belgiens, ist, war es dort brechend voll, und zwar mit allem, was irgendwie Räder oder Rollen hat. Im Ernst, die Belgier machen sich immer gerne ein bißchen lustig über diese Region, weil die Bewohner wohl ein bißchen hinterwäldlerisch sind, und somit waren dort auch tatsächlich gut fünf Blader, um nicht zu sagen Aggressive Inliner, am Sessionieren, nachdem ich diese Spezies in den letzten Jahren überhaupt gar nicht mehr irgendwo zu Gesicht bekommen und schon ein gerechtes Aussterben ihrer für wahrhaftig gehalten habe. Aber Wallonien ist eben ein bißchen anders.

Skatepark Mons zwei Jahre, nachdem wir dort gebaut haben…
Die tolle voll fancyge Street-Area…

Mir war es auf jeden Fall deutlich zu voll dort zum Skaten, zudem stimmten irgendwie die Vibes nicht und mein linkes Sprunggelenk macht in letzter Zeit auch immer öfter richtig Ärger, so daß ich es dann lieber schonte und Gian beim Skaten zuguckte, was eine reine Freude ist. Denn der erst Zwanzigjährige hat eben so einen leichtfüßigen Style, gerade auf Transitions, was nicht verwunderlich ist, wenn man im Bowl von Lugano groß geworden ist, von wo es ja schon einige Skater zu zumindest europäischen Skate-Ruhm gebracht haben, bestes Beispiel der letzten Jahre der wahnsinnige Martino Cattaneo! Gian rippt jedenfalls auch schwer was weg und so war es auch kein Problem für ihn, fluffige Fs Desasters an der Vert-Extension zu machen, wovon ich dann auch ein schickes Photo mit nach Hause (und in diesen tollen Blog) nehmen konnte. Gian rippt und ist auch ohne Board ein rundum sympathischer und für sein zartes Alter schon sehr weiser Kollege. Zudem hat er bereits eine dreijährige Ausbildung auf dem Bau absolviert und ist somit mit den meisten Sachen, auf die es beim Betonskateparkbau ankommt, vertraut. Wir werden also sicherlich – von mir aus sehr gerne – noch öfter zusammen auf Montage gehen, denn Gian will erstmal in Antwerpen bleiben und mehr Skateparks bauen, und er ist eine absolute Bereicherung für die Builder-Szene, halleluja!

Gian und ein loftiges Fs Desaster…

Gegen Abend erreichten wir dann unsere Unterkunft in Neuville en Avenios, wie schon so oft vorher hier in der Gegend eine schnuckelige nagelneue Ferienwohnung in einem sehr alten Bauernhaus aus Backsteinen. Die Baustelle ist dann zwanzig Kilometer weiter südlich in der 20.000 Seelen-Gemeine Caudry, die Fahrt dorthin jeden Morgen und Feierabend dauert allerdings gut vierzig Minuten, weil es größtenteils über kleine ruppige Landstraßen und durch verwinkelte Dörfer geht, die alle irgendwie gleich aussehen, wichtig ist auf jeden Fall die Kirche in der Dorfmitte, meist direkt neben dem ebenfalls Jahrhunderte alten Rathaus. Und ja, es ist wirklich nicht gelogen, wenn ich sage, auch landwirtschaftlich sieht das hier wirklich alles gleich aus, vor allem weil diese Gegend ganz klar von der Landwirtschaft dominiert wird. Anders als in meiner Heimat Angeln allerdings sind die Weiden und Felder hier deutlich größer und weitläufiger und es gibt kaum einzelne Höfe oder Häuser auf dem Land. Dafür sind die Dörfer dann wesentlich kompakter, was aber nicht heißt, daß da in irgendeiner Form irgendwas “los wäre“.

Eine Menge Nichts…
Hier brennen auch mal die Mähdrescher…

Gerade diesen Moment, wo ich auf unsere Terrasse sitze und diese Zeilen tippe, sehe ich in jede Richtung benachbarte Häuser, aber es herrscht trotzdem eine Totenstille, wie bei mir zu Hause, wo ich überhaupt keine direkten Nachbarn habe. Also hier läuft das Leben wirklich sehr gemächlich und ruhig ab, es hilft wahrscheinlich auch nicht, daß hier in Frankreich natürlich auch gerade Ferienzeit ist und viele Familien sich wahrscheinlich gerade im Urlaub befinden, aber laßt euch gesagt sein, hier willst du nicht tot über`n Zaun hängen (und Urlaub machen irgendwie auch nicht, es sei denn du willst wirklich konsequent gar nichts tun)! So gibt es hier auch wirklich so gut wie nix an Spots, erstens weil es die Infrastruktur und deren Architektur nicht hergibt, und zweitens weil die Straßen und Bürgersteige dermaßen ruppig und rau sind, das manche eventuell vorhandenen Spots selbst ich nicht skaten kann oder will, und ich bin ja nun wirklich dafür bekannt, mich gerne mal mit den dreckigsten und beschissensten Kackspots auseinanderzusetzen. Streetskaten fällt also eher flach, in Caudry, aber hier in Avenios sowieso, somit gestalten sich die Feierabende und Wochenende ausgesprochen unspektakulär und rechnerlastig.

Zeitvertreib am Wochenende…

Und obwohl wir schon so einige Parks hier in der Region gebaut haben, so ist diese dann doch auch relativ groß und dabei nicht so richtig erschlossen, und da wir sowieso schon jeden Tag anderthalb Stunden im Auto verbringen müssen, ist die Motivation, nach Feierabend noch irgendwelche langen Fahrten auf sich zu nehmen, um halbwegs halbgare Skateparks zu skaten, auch nicht besonders groß, wir waren bis jetzt ja auch nur zu dritt. Mittwoch sind wir dann mal ins nur zwanzig Minuten entfernte Wargnies le Grand, wo Mikey vor sieben Jahren schon einen kleinen Park gebaut hat, gefahren. Er hatte letztes Jahr sogar einen Anruf von der Gemeinde gehabt, um ein Angebot abzugeben, das Poolcoping zu reparieren, das die lokalen Scooter-Kids an einer Stelle im Bowl abgekloppt hatten, um da ihre Fly-outs zu machen (Arrgg!). Mikey hatte dann ein Angebot abgegeben, aber nie wieder was von der Gemeinde gehört, so wollten wir uns das Dilemma doch mal angucken und mit ein bißchen Feierabendsport verbinden.

Skatepark Wargnies le Grand – für das erbärmliche Süd-Ende unten im Bild darf sich der Designer einen kostenlosen Kopfschuß bei mir abholen!
Scooter-Kids must die!
Gian rippt das Ganze natürlich trotzdem kaputt…

Tja, und außer dem Dilemma mit dem Poolcoping ist eigentlich auch dieser Park wieder ein kleines bis großes Dilemma, denn das Design ist wieder einmal halbgar bis scheiße. Zumindest kann man einen Skatepark, der auf striktes Hin- und Herfahren ausgelegt ist, nicht an dem einen von zwei Enden mit einer knapp 2m-breiten Quarter enden lassen. Geht gar nicht, mit dem verantwortlichen “Designer“ bitte nachträglich gleich ab zur Hinrichtung! Ansonsten sind die Banks schon verdammt steil, ebenso wie der “Speedbump“, der einen aus genau dem Grund eher ausbremst, ja, und viel mehr gibt es dann da auch nicht wirklich. Egal, Gian zog wieder eine Show ab, wie sie viel schöner nicht sein konnte, und da ich von zwei Maximatoren auch schon halbwegs maxi intense war, hielt ich mich mit dem Skaten auch wieder sehr zurück und versuchte lieber, zumindest bildermäßig etwas Skateboarding in diesen Blog zu bringen, was mit einem Akteur wie Gian, der seine Tricks in der Regel steht, nicht besonders schwierig ist, aber seht selbst… (Ich hab` dann hinterher ganz stilecht noch einen 360° Flip in die lange steile Parkplatzein-/ausfahrt gefilmt, hatte ich schon mal erwähnt, daß ich irgendwie keinen Beton mehr sehen kann und tatsächlich fast nur noch Street skate? Ich glaube ja…)

Ich wollte unbedingt diese beiden schrottigen Betonelemente auf einem Photo kompositionieren und bat Gian, mal schnell ein paar seiner fluffigen Fs Noseblunts zu machen, nichts leichter als das…
Bunker neben Skatepark gibt`s nicht überall, und Bs Tailslides in diesem Skatepark leider nur selten bis vielleicht gar nicht, der ist fest in Scooter-Hand und irgendwo im Nirgendwo.

Mittwoch war dann auch noch unser Kollege David Nicolini zu uns gestoßen, aber der ist jetzt nicht so der Überskater und campt sowieso mit seinem Van direkt auf der Baustelle. Gian ist übrigens gestern mit Mike nach Brüssel gefahren, weil er für drei Wochen zurück in die Schweiz und dort auf eine kleine Skatetour fährt. Mittwoch kommen dann noch zwei Jungs mehr, mal gucken, wer das sein wird und sich mit uns ins Elend stürzt. Okay, ist jetzt etwas übertrieben, aber auch die Baustelle an sich erfüllt mal wieder sämtliche Klischees, wie ich sie bisher auf fast allen Baustellen hier in Frankreich erlebt habe.

Das nun wirklich nicht erfüllende Design, das wir bauen dürfen.

Fangen wir mal damit an, daß das Design, das wir gerade bauen, nicht besonders anspruchsvoll und aufregend ist. Das stammt halt wie so oft leider nicht von uns bzw. Mike, sondern von unserem alten Architekten-Freund Julien von Antidote Skateparks. Und ja, seine Skateparks sehen immer alle ziemlich gleich und trostlos aus, ich will zum Beispiel nicht wissen, wie viele von diesen Hausdach-Obstacles mit Hochrunter-Rail und -Ledge ich in den letzten Jahren schon gebaut habe, gähn… Mikey hat mir allerdings auch schon mal erklärt, warum Julien viele Parks so anspruchslos designed, mal davon abgesehen, daß er jetzt sowieso nicht der kreativste Skate-Architekt der Welt ist. Aber das Problem in Frankreich ist wohl tatsächlich, daß es nicht genug Firmen gibt, die auf Skatepark-Projekte anbieten, deswegen sind viele Designs oft so gehalten, daß sie prinzipiell auch von einer ganz normalen (Hoch- und Tiefbau)-Firma gebaut werden könnten. Denn es ist nun mal tatsächlich leider so, daß wenn eine Stadt oder Gemeinde einen Skatepark bauen will, aber für die Ausschreibung des Jobs auch bei mehrmaliger Ausschreibung keine Angebote von Firmen dafür reinkommen, das Geld halt für was anderes ausgegeben und dort dann eben kein Skatepark gebaut wird.

Hier könnte jetzt fast ein bißchen Baustellenromantik aufkommen, es ist allerdings Sonnenaufgang und nicht -untergang, also nix Schicht im Schacht. Wer morgens um Acht schons schwitzt weiß, es wird wieder ein heißer Tag, ächz…
Auch hier könnte Baustellenromantik aufkommen, ein blitzblankes Dixi und eine Wurst hat überlebt. Ich geh` da übrigens immer nur rein, um Speed zu ziehen, sonst schläft man ja ein hier in Caudry…

Und auch wenn es gegen meine Philosophie spricht, die eigentlich lautet ‚Lieber kein Skatepark, als einen beschissenen Skatepark‘, muß man hier in der Prärie wohl seine Ansprüche wirklich etwas runterschrauben und freut sich für die Kids und Jugendlichen, wenn ihnen überhaupt irgendwas geboten wird, denn wie schon mehrfach erwähnt, hier ist wirklich nicht besonders viel los, woran man sich als Jugendlicher erfreuen könnte. Als bildhaftes Beispiel, welches die Lage hier vor Ort vielleicht ganz gut verdeutlicht, sei erwähnt, daß ich mir letzte Woche wie immer, wenn ich in Frankreich bin, das aktuelle Sugar Skateboardmagazin kaufen wollte, auch wenn das Mag nicht so richtig dolle ist und ich überhaupt kein Französisch kann, aber Magazine müssen eben unterstützt und gekauft werden, heute mehr denn je zuvor, es gibt ja kaum noch welche.

Naja, Sugar gibt`s fast überall, das habe ich schon in den entlegensten Orten Frankreichs im Zeitschriftenladen gefunden, deswegen war ich auch nicht sonderlich überrascht, in Caudry im entsprechenden Fachhandel eine Ausgabe zu ergattern. Mehr überrascht hat mich dann, daß es scheinbar die letzte vorhandene Ausgabe war, und ich mich schon gefragt hab`, welche nicht vorhandenen Skater sich hier wohl (noch) Skateboardmagazine kaufen. Als Gian dann zu Hause meinte, genau diese Ausgabe hätte ihm vor ein paar Jahren mal seine Mutter nach`m Einkaufen mitgebracht, wurde ich etwas stutzig, und es stellte sich tatsächlich heraus, daß mir eine Stunde zuvor in dem Laden die Ausgabe von Juni 2016(!) verkauft worden war, für die standardmäßigen 5,50 Euro wohlgemerkt. Ich will jetzt nicht sagen, mir wäre das Cover auch schon irgendwie bekannt vorgekommen (ich hab` die Ausgabe tatsächlich zu Hause im Archiv), aber das muß man sich einfach mal auf der Zunge zergehen lassen: Die haben mir in der Tat ein vier Jahre altes Magazin verkauft, willkommen in Nordfrankreich, Alter, geht`s noch!?

Also alles so wie immer, nur ein kleines bißchen schlimmer, das gilt übrigens auch für die Baustelle an sich, um mal aufs Wesentliche zurückzukommen, denn da müssen wir uns noch mit ganz anderem Nerv auseinandersetzen. Zum einen kommen die Jungs von Id Verde, dem Generalunternehmer, der für die Erdarbeiten zuständig ist, nicht so richtig aus dem Quark, so daß wir nicht so (weiter)arbeiten können, wie wir gerne wollten. Dementsprechend wurden in den ersten anderthalb Wochen hier auch reichlich Eier geschaukelt, was jetzt auch nicht so dramatisch ist, so lange man trotzdem dafür bezahlt wird, und bei durchschnittlich 35° Grad mit wolkenlosem Himmel ist man ja sowieso durchgehend ein bißchen piano. Aber wenn ich schon auf Montage bin, will ich eigentlich auch arbeiten und nicht Zeit mit Warten totschlagen, um es mal ganz krass zu formulieren. Und daß sich das mit den Erdarbeiten so hinzieht, kann man den Jungs nicht mal ankreiden, denn letztendlich wäre es besser gewesen, wir wären erst eine Woche später angereist, naja, nicht für mich, mir ist das Ganze auch so ganz recht, und durch reichlich Improvisation gab`s letztendlich auch jeden Tag was zu tun.

Gian beim Stahl flechten, dabei bitte nicht schmelzen!
The Ich beim schweißtreibenden Feinschliff, Baggerlärm alleine reicht nicht!
Bore me and call it art!

Und es handelt sich letztendlich wörtlich genommen auch gar nicht um Erdarbeiten, denn der ganze Unterbau des Skateparks wird – deutlich betont völlig überflüssig – komplett aus sogenanntem Stabi-Sand errichtet, das ist ein Sand/Zement-Gemisch, daß feucht angeliefert wird, um dann eben irgendwann halbwegs so hart wie Beton zu werden. Das ist schon mal eine Geldverschwendung allererster Güteklasse, denn jegliche Art von herkömmlicher Erde würde voll und ganz für diese Zwecke ausreichen, zudem wird, nachdem das Zeug mühevoll aufgeschüttet und verdichtet wurde, die Hälfte davon wieder weggebuddelt, um eben die Formen der Rampen und des Bowls herzugeben, und dann wieder von Lastern abgeholt und irgendwo recycled(?), was für ein Wahnsinn! Noch wahnsinniger aber sind die Fundamente, die im technischen Bauplan für bestimmte Stellen im Park und vor allem einmal rund herum gefordert sind. Die sind zuweilen anderthalb Meter tief und allesamt mit doppelter Bewehrung ausgelegt (und das bei diesem von sich aus schon überstabilen Untergrund), und wenn man ein solches Fundament für ein ganz simples Flatrail errichten muß, kann man sich nur an den Kopf fassen.

Die Spine wurde quasi aufgeschüttet, um zu zwei Dritteln wieder weggebaggert zu werden, alles schön extra stabil…
Fundament für das Flatrail, nächstes Mal kommen wir dann wieder mit Panzern…

Welcher inkompetente und völlig bauweltfremde Schlipsträger hat sich denn diese Scheiße wieder ausgedacht und daran noch dümmer und dämlicher verdient? Julien war`s nicht, denn dafür ist nochmal ein anderes Architekturbüro eingesetzt und vermutlich sehr gut bezahlt worden. Im Ernst, und ich kann es nur grob überschlagen, aber ich würde schätzen, daß durch diese gewaltige, völlig unnötige Materialverschwendung inklusive der Arbeitszeiten der Id Verde Jungs um und bei 50.000,- Euro (wahrscheinlich eher noch deutlich mehr) quasi vernichtet werden, für die man ganz easy unter normalen Bedingungen den Skatepark mindestens 300 Quadratmeter größer bauen könnte. Und Platz gäbe es da rundherum noch mehr als genug, wir sind nämlich mal wieder in die hinterste Ecke des lokalen Sportzentrums hinter die Fußballfelder verbannt worden, dahinter fängt dann die beweidete Prärie an.

Noch mehr Fundamente für noch mehr Panzerfestigkeit…

Und sowas ätzt einfach ab und da fragt man sich wirklich, warum man diesen Job, der einem einst so lieb war, mit all seinem zusätzlichen Wahnsinn nebenher immer noch macht, vermutlich vor allem, weil sich mir derzeit keine realistische Alternative zum nun mal überlebenswichtigen Geld verdienen bietet. Aber auch das wird mir hier gerade mit jedem Tag klarer, nachdem ich nach über zwei Jahrzehnten tatsächlich mal wieder den ganzen Frühling und einen Großteil des Sommers in meiner schönen Heimat verbracht und das trotz – oder gerade wegen – Corona sehr sehr genossen habe: Ich muß mich wirklich langsam mal darum kümmern, mir irgendwie eine solche Alternative zum Skateparkbauen aufzubauen und/oder wiederum zusehen, daß ich mehr Projekte in meiner Heimat realisiert bekomme. Diese letztendlich nur einem ausführenden Organ gleichkommenden Jobs im Ausland erfüllen mich wirklich schon seit langem nicht mehr und der Reiz des ständigen Auf-Montage-und-unterwegs-Seins erlischt so langsam aber sicher, da brauch` ich mir gar nichts vormachen, und ich denke, das merkt man mir auch auf der Arbeit (und nach Feierabend) immer mehr an. Aber die Bezahlung ist eben sehr gut und nach zehn Jahren der Ausbeutung das erste Mal fair und das Arbeitsklima ist noch viel besser, in welcher Branche hat man sonst noch die Chance, mit derart gleichgesinnten Kollegen und sogar Freunden zusammenzuarbeiten und dabei auch noch etwas halbwegs Sinnvolles zu tun, nämlich Skateparks bauen? Mir fällt wirklich keine andere ein, die für mich in Frage käme.

In Caudry ist bald wieder oder immer noch Weihnachten. Gott sei Dank…

Trotzdem kann ich es grad nicht erwarten, in zweieinhalb Wochen wieder nach Hause zu kommen und dann endlich meinen “eigenen“ Skatepark in Glücksburg fertigzustellen. Und dann hätte ich ehrlich gesagt auch überhaupt kein Problem damit, wenn danach dann keine weiteren Baustellen für dieses Jahr mehr anstehen, wie wenig ich letztendlich zum glücklich sein brauche, haben mir gerade die letzten Monate während Corona mal wieder verdeutlicht, und ja, es gibt noch einige private Projekte im eher künstlerischen – oder sagen wir mal schöpferischen – Bereich, denen ich mich gerne mal widmen möchte und muß, Projekte sind ja vor allem auch dazu da, um angefangen oder eben fertiggestellt zu werden, nä!? Ich bin zumindest so gestrickt und habe in der Tat noch viele Ideen für die Zukunft, die wahrhaftig nicht weiter weg vom Baustellenalltag anzusiedeln wären, nämlich zu Hause an meinem Schreibtisch. Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen bin ich ja auch nicht Handwerker mit Leib und Seele und aus einer innerlichen Berufung heraus, ich bin nur “zufällig“ und glücklicherweise nach BOARDSTEIN vom Chefredakteurstuhl in diesen Berufszweig gerutscht, ich merke allerdings in letzter Zeit auch deutlich, daß ich da gerne langsam mal wieder rausdriften möchte. Irgendwie ist es halt auch einfach Zeit für neue Herausforderungen und vielleicht auch für ein etwas seßhafteres Leben, ich werde immerhin in einem Monat 45 Jahre alt und hab` wohl auch schon alles gesehen und erlebt, was diese Branche zu bieten hat, oder doch nicht!?

Naja, alles durchaus noch Zukunftsmusik, aber das Wort Zukunft beinhaltet ja auch, daß es irgendwann mal passieren wird, vorausgesetzt mensch bleibt fröhlich und gesund und die Welt geht nicht doch irgendwann einfach unter, wundern würd`s mich nicht und erleben werde ich es vermutlich auch noch auf die ein oder andere Art und Weise. Aber wir wollen hier mal nicht schwarz malen, eher schwarz (auf Weiß) schreiben, höhö… Und beim Thema Zukunft fällt mir noch Michel ein, das ist der sympathische, wenn auch kein Wort Englisch sprechende, Vorarbeiter von Id Verde bei uns auffe Baustelle. Der kennt sogar Mike noch von vor sieben Jahren vom Projekt in Douai und hatte ihm am ersten Tag tatsächlich auch ein ausgedrucktes Gruppenphoto von damals in die Hand gedrückt, was ich wirklich sehr rührend fand (ja, wir Skateparkbauer hinterlassen halt überall einen guten Eindruck, oder zumindest einen eindrucksvollen).

Und Michel hat nämlich jetzt ab Montag seine letzte Arbeitswoche und dann geht er in Rente, nachdem er diesen Job mehr als 40 Jahre lang bei ein und derselben Firma gemacht hat. Wie geil muß sich das anfühlen, wenn man weiß, da ist ein sehr helles Licht am Ende des langen Tunnels, und dann heißt es nie wieder malochen, nie wieder bei knüppelnder Hitze oder prasselndem Regen auf der Baustelle im Dreck stehen… Damn, mit dem Gedanken könnte ich mich anfreunden und man merkt das Michel auch an, gestern wurde auf jeden Fall erstmal Punkt Eins der Feierabend mit einem Barbecue, Whiskey und Wein eingeläutet, was sehr nett war, wir Bauarbeiter sitzen ja alle im selben Dreck, da braucht man auch gar keine gemeinsame Sprache, um miteinander anzustoßen. Und bei der Hitze kann sowieso keine Sau arbeiten, hinterher den Firmenwagen zum Ursprungsort zurückmanövrieren eigentlich auch nicht…

Freitagfeierabend mit den Boys..

Äh ja, eigentlich war`s das dann auch mit meinem ‚Verschollen in Caudry‘ Beitrag, ihr wißt nun zumindest, wo ihr mich noch bis Ende August finden würdet, solltet ihr mich denn suchen, ich kann euch jedenfalls sagen, gerade jetzt auf`n Samstagnachmittag hätte ich nichts gegen ein bißchen Besuch einzuwenden, es ist doch schon arg lang und weilig hier, und das nun das zweite Wochenende in Folge. Andererseits kann ich ja auch sehr gut Ruhe und Einsamkeit genießen, und sei es nur für das Tippen solch sinnloser Blog-Einträge, mit denen ich euch nun ein weiteres Mal erfolgreich eure Zeit gestohlen habe. Oder war es eine Bereicherung?… Müßt ihr entscheiden, es ist wirklich schwer zu sagen, ob ich mich selbst lesen würde, aber ehrlich gesagt lese ich selbst außer Chromeball Incident eigentlich nur auf Papier. Aber ey, ich hab` auch noch ein Nokia Handy und hab` noch nie in meinem Leben gechattet, ich bin eben etwas langsamer und gemütlicher unterwegs, oder ganz einfach anders. Ja, anders er ist, oh ja…

Haut euch rein soweit, da hier sowieso nichts Aufregendes passiert, bin ich selbst gespannt, was ich mir denn für den nächsten Blog-Eintrag aus den Fingern sauge, Zeit dafür hätte ich hier eigentlich mehr als genug, und Belanglosigkeit auch, aber hallo!
In diesen Sinne fröhlich bleiben, und gesund natürlich (gähn)…

Bisous,
Arne

2 Gedanken zu „VERSCHOLLEN IN CAUDRY (F)

  1. Arne!
    Tach’chen!
    Lang ist’s her!

    Ich bin’s der Marcel. Wollt mich kurz mal wieder bei dir melden.
    War ganz begeistert, als ich letztens auf die Boardstein seite gestolpert bin und mir ein paar einträge von dir durch lesen konnte. Rock ‘n’ Roll man! Hab da auch nichts anders von dir erwartet.

    Mich hat’s 2009 endgültig nach Australien verschlagen. Elf Jahre leb ich schon hier.
    Soweit alles gut aber ich vermiss Europa doch schon ziemlich sehr at times.

    Hey; Ich hab in den letzten jahren, an einer kurzgeschichte gebastelt, die ist nun fertig und wuerde dir ein paar eindrücke in mein leben vermitteln (anstatt das jetzt hier zu versuchen in ein paar wörter zu quetschen) Kannst du mir deine email adresse schicken dann sende ich dir einen link zu der geschichte.

    Freut mich echt tierisch zu wissen das du machst was du machst und hoffe dir geht’s gut.

    Gruesse aus Australien

    Marcel

    1. Damn, Marcel, du bist wirklich DER Marcel anscheinend, irgendwie hat sich das dann doch auch ins durchlöcherte Gehirn gebrannt. Ja, Mann, geil, schick` jegliche Literatur deinerseits nach , das ist mein Hashtag for life, kennste doch noch….
      Best Gruß nach Oz,
      Arne

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