SCHLUND UND REFLUX

Hello again!

Boah, das geht ja echt Schlag auf Schlag hier, da hab` ich mich aber in was reingeritten mit der Ansage gestern von wegen meine Fastenwoche lang jeden Tag ein Buch vorstellen und so. Naja, was soll`s, Abhaken und Erledigen gehören nun mal zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, wenn doch bloß nur nicht immer die Tätigkeit dahinter so anstrengend, nervig und/oder zeitraubend wäre… Was rede ich jetzt schon wieder für Unsinn? Das könnte ja glatt von Karl Nagel kommen, womit wir direkt beim Thema wären, denn wie gesagt, ich will euch hier ja gelesene Bücher vorstellen, damit ich endlich die Eselsohren mit den markierten Textstellen entohren und die Bücher ins Regal stellen kann. Also kommen wir damit mal zu einem oder besser gesagt DEM Werk von Promi-Altpunk Karl Nagel, seinerzeit einer der Mitinitiatoren der Hannover Chaostage, ehemaliger APPD Kanzlerkandidat, heutzutage Hüter des weltgrößten Punk-Photo-Archivs und noch vieles mehr…

Karl Nagel ist in Wuppertal aufgewachsen und rührt dank seines alkoholkranken Vaters bis heute keinen Alkohol an und hatte auch sonst noch nie etwas mit Drogen zu tun, was umso merkwürdiger erscheint, wenn mensch sich mit diesem Buch beschäftigt. Doch vielleicht braucht ein Mensch für diese selbstgerechte, aber irgendwie auch selbstironische Auskotzerei einfach einen klaren Kopf. Und außerdem hat er dafür genug andere Laster, das sind zum einen Perry Rhodan Hefte sowie Comics aller Art, Junkfood in rohen Mengen und eine ausgeprägte Sucht nach Nachrichten, Internet, Facebook und Konsorten. Er wohnt nun schon seit langer Zeit in Hamburg, wo er sich als selbstständiger Programmierer durchschlägt, und das nun vorgestellte Buch ist somit noch lebendiger zu lesen, wenn man sich selbst seit Jahrzehnten in der Hamburger Punkszene rumtreibt und im Viertel St.Pauli/Altona

Also ja, dieser Karl Nagel hat mit Mitte 50 ein Buch namens ‚Schlund‘ geschrieben, das so eine Art Autobiographie ist, allerdings angereichert mit allerlei Wahnsinn in Form von Beobachtungen, Ängsten, Träumen, Spekulationen und Halbwahrheiten, trotzdem rundum überehrlich und insgesamt auf eine sehr einmalige Art und Weise einfach irgendwie grotesk. Herr Nagel hasst gerne, vor allem die Menschheit und ihr dummes Treiben, er berauscht sich quasi an der Schlechtigkeit der Welt und bemitleidigt sich selbst dabei am liebsten, schwimmt in jede Richtung gegen den Strom und ist politisch absolut nicht wirklich einzuordnen, eigentlich genau das, was Punk irgendwie immer sein wollte, oder!? Da es schon gut drei Jahre her ist, daß ich das Buch gelesen habe, hab` ich vor`m Schreiben dieses Textes nochmal schnell die ein oder andere Rezension dazu im Internet gelesen und ein gewisser Jan-Paul Koopmann von der TAZ trifft es mit seinen Worten ziemlich gut: „Irgendwie ist er links, vor allem aber radikaler Individualist, Nerd – und dabei auf eine sonderbar aggressive Weise harmlos. Lesenswert ist es trotzdem – auch wegen der ganzen anderen Menschen da draußen, denen es auch nicht besser geht.“

Ein kleines Lesebeispiel dazu aus besagtem Buch gefälligst? Bitteschön: „Ich kaufte die Bild-Zeitung am liebsten, wenn die Suppe in Strömen herauslief. Ich war begeistert, wenn Nazis oder besoffene Plattenbau-Prolls Flüchtlinge erschlugen und reizbare, importierte Gewalt-Gorillas aus Syrien, dem Irak oder der Türkei wahllos irgendwen zertrampelten oder abstachen. Fand es geil, wenn Passagierflugzeuge in Wolkenkratzer krachten und Tausende töteten. Mein Adrenalin floß in Strömen, wenn Polizisten Demonstranten blutig schlugen, Städte in Schutt und Asche fielen, Armeen Granathagel abfeuerten und Faßbomben auf Zivilisten abwarfen. Ich wollte sehen, wie die von willkürlichen Ideen erfüllten Irren die Vernunft in den Müll kippten. Wie Leute hasserfüllt nach Rache schrien, um sich für einen kurzen Moment FREI und LEBENDIG zu fühlen. Mir ging es ja nicht anders…“

Wenn man so will, kommt das ganze Buch ausgesprochen verstörend rüber, andererseits ist es einfach bedrückend ehrlich und Herr Nagel ist mir trotz allem Wahnsinn eben auf seine ganz eigene Weise ausgesprochen sympathisch, denn im Endeffekt hält er nur unserer Gesellschaft und der gesamten Menschheit einen Spiegel vor`s Gesicht, und ja, irgendwie ist es ja tatsächlich alles einfach nur schlimm mit uns. Am besten gefällt mir die für seine Gesinnung beispielhafte Stelle, wo er in der Altonaer Fußgängerzone einen Infostand von Salafisten zerlegt, denn ‚Refugees welcome‘ okay, aber Menschen, die Schwule verachten und verfolgen, irgendwie dann ja auch nicht. So heißt es an anderer Stelle zum Beispiel: „Ich hingegen hätte gern von Bands geträumt, die alle unterschiedlich klangen. Von Punks, die zu Beethoven und Zwölftonmusik Pogo tanzten. Von braven Bürgern, die sich auf Punk-Konzerten im Schlamm wälzten. Von Rechtsradikalen mit dicker Tüte am Hals, Dildos schwenkend, grellgeschminkt, eins mit bassigen Reggae-Riddims, begraben den Traum vom Kampf harter Männer für Deutschland, Ruhm und Ehre. Von Linken, die abends gemeinsam Heimatlieder sangen. Damit die Dinge nicht blieben, wie sie waren, sondern sich veränderten und Revolutionen der Herzen und des Verstandes stattfanden. Vielleicht würde der ein oder andere verstehen, daß es nicht nur “richtig oder falsch“ gab. Daß der andersdenkende Rest der Menschheit nicht aus minderbemittelten Idioten bestand, aus Dreck, den es wegzuputzen galt… Möglicherweise war ich jedoch nur zu dumm, das Wesen der Dinge zu begreifen. Das würde vieles erklären. Oder aber es gab überhaupt nichts zu begreifen. Dann konnte ich mir den ganzen Brainfuck schenken und mich stattdessen brüllend, kotzend und scheißend auf dem Boden wälzen.“

Das Buch ‚Schlund‘ ist aber eigentlich als Doppelpack erschienen, denn es gibt noch ein Ergänzungsband namens ‚Reflux‘, vom Autor selbst ‚Nachbrenner‘ genannt, in kleinerem Format, mit weniger Seiten und größerer Schrift, der insgesamt noch verstörender und vor allem apokalyptischer rüberkommt, denn die Apokalypse vor der eigenen Haustür ist quasi Hauptthema dieses Buches. Es handelt sich dabei wohl um eine Menge Gedanken, Visionen und zuweilen Erinnerungen, die es nicht in ‚Schlund‘ geschafft haben, und das Ganze ist ebenso wie der große Bruder durchgehend mit merkwürdigen, aber auf ihre Weise sehr aussagekräftigen Photos garniert und insgesamt mindestens genauso lesenswert. Und apropos lesenswert, sollte sich jetzt tatsächlich jemand aus durch diesen Blog-Eintrag erweckter Neugier diese beiden Bücher besorgen oder ausleihen und dann lesen, so schickt bitte hinterher keine Beschwerden an mich, weil ich euch diese Kacke empfohlen habe. Ich glaube, mensch muß schon ein besonderer Schlag Mensch sein, um mit diesen Werken etwas anfangen zu können, vielleicht einfach Punk, das ist ja nun mal auch nicht jede(r) und andersrum etwas, was sich nicht so richtig definieren läßt. Eins muß man Karl Nagel auf jeden Fall lassen, er kann sich definitiv auf eine ganz eigene Art ausdrücken und seine Gedanken auf Papier bringen, nur werden die meisten Menschen wahrscheinlich nicht unbedingt etwas mit solchen diesen Gedanken anfangen können. Aber ja, Fluchen und Schimpfen kann er, wahrscheinlich ist er mir u.a. auch deswegen so sympathisch…

Zu diesen beiden Büchern gibt es sogar noch eine Extra-Schallplatte ‚Hymnen Aus Dem Schlund‘ mit 17 Coverversionen deutscher Punk- und HC-Bands von bekannt bis unbekannt, mit Leuten von Molotow Soda und Canalterror und am Mikro stand dabei niemand Geringeres als der Meister selbst. Ich hab` dieses nicht alltägliche Dreierpack vor knapp drei Jahren von meinem besten Freund Asche geschenkt bekommen, warum weiß ich bis heute nicht genau (Asche ist auch manchmal nicht ganz klar im Kopp und/oder einfach zu gut für diese Welt), aber er hat mir damit eine große Freude bereitet, genau deswegen hat er es wahrscheinlich auch gemacht, weil er eben wußte, daß ich mit diesem Scheiß etwas anfangen können würde. Dem war und ist auch so, deswegen will ich euch nun auch zumindest die beiden Bücher (die Platte hat mich nicht so umgehauen, hab` ich bei Fischkopp gegen was anderes getauscht) empfehlen, denn wer mal etwas nicht Alltägliches quasi über unser aller Alltag lesen möchte, ist mit den Gedanken Karl Nagels und seinem etwas anderen Ansatz auf jeden Fall richtig. Besorgen läßt sich das Ganze am besten direkt beim Autor selbst unter karlnagel.de, aber wie gesagt, heult mich bitte hinterher nicht voll, der Kram wäre zu krank für euch gewesen!

Das soll es dann auch wieder für heute von mir gewesen sein, ach übrigens, ich war ansonsten auch nicht faul an diesem Tag und hab` mit Herrchen eine Erweiterung von unserem Brennholzlager erfolgreich zu Ende gebaut. Schließlich werden wir in Zukunft in der Wintersaison mehr Holz benötigen, wenn ich nicht mehr so viel auf Montage bin. Und Arbeit lenkt wirklich perfekt ab beim Fasten, sofern sie denn nicht zu anstrengend ist, heute morgen war ich in der Tat etwas schlapp auf den Füßen, und zwischendurch hatte ich auch mehrmals Riesenappetit auf irgendwas. Aber den kann mensch sich mit viel Tee auch wegtrinken und ansonsten halt einfach immer ablenken mit To-do-Listen abhaken, kleine Sachen erledigen, aufräumen, was auch immer, zur Not eben eine Nickerchen machen. Nur den leicht ekligen Geschmack im Mund wird mensch nicht dabei los, aber ist alles auszuhalten, ich werde gleich schön ins Betti und wieder meine zehn/zwölf Stunden durchschlafen. Fastentag Nr.2 habe ich somit auf jeden Fall sehr erfolgreich hinter mich gebracht, so gesehen werde ich das alles dann wohl auch ganz easy bis Montag oder Dienstag durchgezogen kriegen, gar keine Sorge.

In diesem Sinne vermutlich bis morgen, mal gucken, was für Bücher ich hier noch für euch liegen habe…

Holldrio und guts Nächtle,
Arne

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